| Gegenüber 1980
werden Rückenschmerzen jetzt fünfmal häufiger diagnostiziert. In
Deutschland leiden rund 30 Prozent der Bevölkerung an Rückenschmerzen.
Sie sind die häufigste Ursache von Arbeitsunfähigkeit. Die Kosten für
die Behandlung und Krankengeld belaufen sich auf mehr als 30 Milliarden
Mark im Jahr. Dennoch erfolgt die Behandlung oft nach veralteten und
nachweislich falschen Konzepten.
Das ist das ernüchternde Fazit
der Fachtagung "Volkskrankheit Rückenschmerz", die kürzlich in
der Orthopädischen Universitätsklinik in Mainz stattfand. Neuere
Erkenntnisse zwingen eigentlich zu einer völlig anderen Sichtweise des
Rückenschmerzes, wie Peer Eysel, Oberarzt der Klinik und Initiator der
Tagung, hervorhob. Die falschen Vorstellungen erweisen sich indes als
ebenso zählebig und unangreifbar wie Dogmen.
Nicht auszurotten ist
beispielsweise die Vorstellung, Sitzen sei schädlich für die
Wirbelsäule. Das Sitzen belastet die Bandscheiben aber keineswegs, wie
oft zu hören ist, stärker als das Stehen.
Auch die vermeintlich gesündere
aufrechte Sitzhaltung im Hohlkreuz wurde offenbar zu sehr idealisiert.
Untersuchungen aus der Abteilung für Physiotherapie der Mainzer
Orthopädie haben ergeben, dass die meisten Menschen dabei die
Rückenmuskeln sogar verstärkt anspannen, was Rückenschmerzen eher
begünstigt.
Ebenso falsch wie verbreitet ist
die Vorstellung, bei plötzlich auftretendem Kreuzschmerz, dem
Hexenschuss, benötige der Patient Bettruhe. Inzwischen ist hinlänglich
nachgewiesen, dass es jenen Patienten, die im Bett bleiben, meist
schlechter geht. Wer sich schont, ist sogar länger krank als derjenige,
der seinen alltäglichen Verrichtungen nachgeht, soweit es ihm möglich
ist.
Zu den wichtigsten Aufgaben des
Arztes gehört es deshalb, die wenigen bedrohlichen Fälle zu erkennen,
bei denen - etwa durch eine Infektion, einen Tumor oder eine
Nerveneinklemmung - Gefahr droht.
Rund 85 Prozent der Patienten mit
plötzlich auftretenden Rückenschmerzen sind innerhalb weniger Wochen
wieder beschwerdefrei - unabhängig von der angewandten Behandlung.
Diese hohe spontane Heilungsrate
halten sich indes all jene zugute, die an der Behandlung von
Rückenschmerzen beteiligt sind. Deshalb fallen, wie Bernhard Kügelgen in
Mainz klagte, die Mängel der derzeit angebotenen konservativen
Behandlungsformen nicht auf. Sie sind hinsichtlich ihrer Wirksamkeit nicht
ausreichend überprüft.
Zudem bestimmt nicht der
medizinische Befund die Behandlung. Diese hängt vielmehr davon ab, welche
Methode gerade verfügbar ist und wie sie honoriert wird.
Die weitverbreitete satte
Selbstzufriedenheit vieler Therapeuten hat seiner Ansicht nach keinerlei
Berechtigung. Ärzte und Physiotherapeuten leisteten eher einer
Chronifizierung des Leidens Vorschub.
Zu den häufigsten Fehlern zählt
Kügelgen die Praxis, den Patienten ein falsches Verständnis ihrer
Erkrankung zu vermitteln.
Noch immer würde zur Erklärung
das Bild vom "Verschleiß" der Wirbelsäule bemüht, das indes
längst als widerlegt gelten darf. Dies hat ebenso fatale Folgen wie der
Versuch, die Kranken mit Injektionen und Medikamenten auf Dauer von ihren
Schmerzen zu befreien.
Tatsächlich kommt es darauf an,
die Fähigkeit des Patienten zu stärken, sein Rückenleiden selbst zu
bewältigen, und - wo möglich - gar nicht erst zu verursachen. Da
die Krankschreibungen aufgrund von Rückenschmerzen während der
Urlaubsmonate Juli und August um etwa 20 Prozent zurückgehen, verfügen
offenbar mehr Patienten über die notwendige Kompetenz im Umgang mit der
Erkrankung, als vielfach vermutet.
Ein weiterer Fehler liegt in der
Überschätzung von Röntgenbildern, Computertomogrammen und
Kernspinaufnahmen. Befund und Befinden stimmen nur selten überein. Bei
einem Drittel der Patienten zeigen die Bilder bei völliger
Beschwerdefreiheit Veränderungen auf.
Ein Umdenken ist nicht nur beim
plötzlich auftretenden Rückenschmerz, sondern auch bei chronischen
Rückenschmerzen unerlässlich. Die
Bundesarbeitsgemeinschaft "Chronische Kreuzschmerzen" hat für
die Behandlung je nach Schweregrad unterschiedliche Programme entwickelt.
Auch auf diesem Gebiet werden
gravierende Fehler gemacht. Dazu zählt beispielsweise die ständige
krankengymnastische Behandlung. Wie Eysel in Mainz erläuterte, lässt
sich nachweisen, dass ohne Behandlung doppelt so viele chronisch
Rückenkranke wieder die Arbeit aufnehmen als unter ständiger
krankengymnastischer Therapie.
Mit bemerkenswerter Konsequenz
wurden in Mainz nicht nur konservative Therapien, sondern auch
chirurgische Eingriffe bewertet. So ist die Wirksamkeit der minimal
invasiven Verfahrensweisen beim Bandscheibenvorfall offenbar nicht über
alle Zweifel erhaben. Herkömmliche Operationsverfahren haben sich einer
neueren Analyse zufolge jedenfalls als weitaus erfolgreicher erwiesen.
Überdies sollte man es als
Patient keineswegs mehr als gegeben hinnehmen, dass jeder
Bandscheibenvorfall operiert werden muss.
Betrachtet man nämlich, wie
viele Patienten nach der Operation immer noch oder sogar heftigere
Beschwerden haben, so sind Zweifel an den vielen Operationen mehr als
berechtigt.
Nach einem Jahr sind die
Ergebnisse der Operation im Vergleich zur konservativen Behandlung zwar
etwas günstiger. Nach fünf oder zehn Jahren lässt sich indes kein
Unterschied mehr beobachten. Wie Eysel in Mainz hervorhob, geht es jetzt
darum, jene Kranken zu erkennen, denen eine Bandscheibenoperation mehr
schadet als nutzt.
Eine umfangreiche
Literaturrecherche lässt Eysel vermuten, dass auch die Wissenschaft von
der "Volkskrankheit Rückenschmerz" lange Jahre profitiert hat.
Seit 1969 sind rund 3000 Veröffentlichungen zu diesem Thema erschienen.
Die wissenschaftliche Qualität
der meisten Arbeiten ist jedoch enttäuschend. Nur wenige halten strengen
Kriterien stand. Daher ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass sich
viele falsche Vorstellungen so lange halten konnten. |