| Die Alexander-Technik ist eine Methode, die uns bei
allen Tätigkeiten des täglichen Lebens helfen kann. Aber nicht nur
Alltagshandlungen, sondern auch viele andere Betätigungen bereiten uns
mitunter völlig überflüssige Schwierigkeiten. Jahrelang habe ich solche
selbst erzeugten Probleme z.B. beim Reiten erlebt und konnte sie mit noch
so viel gutem Willen, mit noch so viel Training, Anstrengung oder
Pferdewechsel nur unzureichend lösen.
Auch einige meiner Schüler sind Reiter. Jeder von ihnen weiß - der
eine mehr, der andere weniger - von ähnlichen Phänomenen zu berichten.
Meistens wissen sie sehr gut, was sie tun sollten, um ihr Reiten zu
verbessern. Und manchmal gelingt es sogar für einige - dann oft als
Sternstunden erlebte - Augenblicke.
Doch oft ist es schon im nächsten Moment wieder ganz anders, ...
schlechter.
Dieses Phänomen ist in der sogenannten klassischen Reiterei weit
verbreitet und wird deshalb oft als normal empfunden. Doch es ist nicht
"normal" im Sinne von "natürlich" oder unvermeidbar.
Es ist allenfalls "üblich". Erfahrungsberichte von Reitern, die
andere Wege in der Ausbildung von Reiter und/oder Pferd gegangen sind,
zeigen, dass Schmerzen, dauerhafte Schädigungen oder "Kämpfe"
zwischen Reiter und Pferd nicht auftreten müssen.
Der herkömmliche Reitunterricht betont Rittigkeit, Durchlässigkeit
und Gehorsam des Pferdes weitaus mehr als die Flexibilität des Reiters
und die Effektivität seiner Einwirkung. Gerade solche Eigenschaften des
Reiters sind es aber, die es dem Pferd überhaupt erst ermöglichen, die
reiterlichen Hilfen zu verstehen und anzunehmen. Sitzt der Reiter nicht
geschmeidig, stört er das Pferd in all seinen Bewegungen und hindert es
so daran, die verlangten Lektionen auszuführen. Die
"Korrekturen" setzen dann oft beim Pferd an, obwohl das Pferd
sie gar nicht nötig hat.
Aber auch wenn der Reiter (oder sein Reitlehrer) erkennt, dass die
Ursache der Schwierigkeiten nicht beim Pferd, sondern beim Reiter liegt,
sind mit den herkömmlichen Mitteln oft nur geringfügige Änderungen zu
erreichen. Der Reiter weiß oft keinen anderen Rat, als die bekannten
Lektionen ständig zu wiederholen. Und der Reitlehrer gibt wieder und
wieder die gleichen Anweisungen, von denen er glaubt, dass sie ihm oder
anderen schon mal geholfen haben. Es wird jedoch meist nicht näher
betrachtet, ob die Zahl der Wiederholungen bestimmter Übungen und
Kommandos tatsächlich eine Verbesserung des reiterlichen Könnens
herbeiführt.
In der Alexander-Technik werden gerade diese
Ursache-Wirkungs-Beziehungen untersucht.
Der Schüler lernt nach und nach zu unterscheiden, welche seiner
Gedanken und Handlungen einen Erfolg herbeiführen und welche nicht.
Dadurch erhält er die Möglichkeit, seine Erfolgschancen
eigenverantwortlich und weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen
zu vergrößern. Zur Erreichung dieses Ziels wird der exakten Planung und
Ausführung der angestrebten Bewegungen größere Bedeutung beigemessen
als dem schnellen "Erfolg" (im Sinne einer gewünschten
Ausführung der Lektion durch das Pferd), der sich oft als nicht
wiederholbares Zufallsprodukt erweist. Der Schüler lernt, sich selbst so
zu steuern, dass er tatsächlich das (und nur das) tut, was er sich
vorgenommen hat. Er lernt, überflüssige Anspannung aufzugeben und
zusätzliche, oft störende Bewegungen zu unterlassen. Er lernt,
konstruktiv zu denken und die von ihm geplanten Handlungen so
auszuführen, dass sie seiner Planung entsprechen.
Dies ist eine generelle Schulung. Der Schüler, der diese
Vorgehensweise einmal erlernt hat, kann sie auf beliebige andere
Bewegungen übertragen und dort entsprechend anwenden. Daher ist es für
den Reiter grundsätzlich gleichgültig, ob er die Alexander-Technik im
Unterrichtsraum - z.B. bei Tätigkeiten wie Sitzen, Stehen oder Gehen - erlernt, oder ob der Unterricht unmittelbar am oder auf dem Pferd
stattfindet. In der Praxis hat sich eine Kombination von beidem für viele
Reiter allerdings als nützlich und effektiv erwiesen.
Da weniger komplexe Tätigkeiten (wie z.B. Stehen, Gehen oder das
Anheben eines Gegenstandes) es dem Schüler zunächst leichter machen, die
neue Art der Vorgehensweise zu erlernen, beginnen viele mit dem Unterricht
nicht direkt auf dem Pferd. Nach einigen Stunden, in denen die Grundlagen
gelegt werden, wird der Unterricht während des Reitens dann aber als eine
sinnvolle Erweiterung empfunden. Denn bestimmte störende reiterliche
Einwirkungen zeigen sich eben nur beim Reiten. Man denke dabei z.B. an
Sitz- oder Haltungsfehler wie "hochgezogene Absätze",
"klemmende Knie", starre Handgelenke, "eingeknickte
Hüfte", kitzelnde Sporen, mangelnde Losgelassenheit oder anderes
(... die Liste ist beliebig zu verlängern).
Die Alexander-Technik kann bei jeder Art des Reitens hilfreich sein.
Nicht nur die Anhänger der klassischen Reiterei erleben beim Reiten
Schwierigkeiten und erzeugen einen Teil dieser Probleme selbst, sondern
auch Reiter der sogenannten alternativen Reitweisen oder Westernreiter. So
befassen sich auch (oder gerade?) manche "alternativen"
Reitweisen mit der Alexander-Technik. Manche sind sogar aus der
praktischen Erfahrung mit der Alexander-Technik entstanden.
Es sind inzwischen auch einige deutschsprachige Bücher erschienen, die
sich auf unterschiedliche Weise mit diesem Thema beschäftigen.
Stellvertretend für alle seien hier nur zwei erwähnt:
Walter Tschaikowski: Besser Reiten mit der Alexander-Technik
Sally Swift: Reiten aus der Körpermitte, Bd. 1 + 2 |