Rückenschmerzen sind meist weniger ein
Rückenproblem, als ein Ausdruck eines gestörten Allgemeinbefindens.
(Prof. H.-H. Raspe, Uni Lübeck)
Der Umgang mit Rückenschmerzen und die
Versorgungslage in Deutschland sind derzeit katastrophal.
Prof. Jan Hildebrandt, Leiter der Schmerzklinik der Universität
Göttingen
Rückenschmerzen sind die kostenträchtigste Krankheit überhaupt. Aber
nur in Europa und Nordamerika - in der dritten Welt sind sie viel
seltener, obwohl dort schwere körperliche Arbeit häufiger ist.
An dieser Stelle sollen einige Bemerkungen zu funktionell bedingten
Rückenschmerzen gemacht werden. Für Rückenschmerzen infolge schwerer
organischer Schädigungen (Unfälle, Erbkrankheiten, weit fortgeschrittene
Verschleißerscheinungen) sind diese Ausführungen nicht zutreffend.
Ursachen
Hauptursache für Rückenschmerzen als Zivilisationskrankheit ist
Bewegungsmangel. In den letzten Jahrzehnten haben Rückenschmerzen unter
deutschen Kindern im selben Maße zugenommen wie deren
Bewegungshäufigkeit geringer wurde.
Schmerzen sind dann Resultat von:
- Echten, unumkehrbaren Abnutzungserscheinungen infolge natürlicher
Alterung: Knorpel und Bandscheiben verkümmern und verhärten. Bänder
können sich lockern, Muskeln sehnig werden. Obwohl das mit
zunehmendem Alter unvermeidbar ist, betrifft dies als direkte
Krankheitsursache nur eine Minderheit von Patienten.
- Bandscheibenvorfälle: Als Folge kurzzeitiger oder dauernder
Überlastung wird ein Teil der Bandscheibe aus ihrem angestammten Raum
heraus gequetscht. Wenn sie dann auf einen Nerv drückt, entstehen
Schmerzen.
- Entzündungen in Gelenken, Muskeln oder Nerven infolge dauerhafter
Überlastung.
- Psychosomatisch: Die Rückenschmerzen sind quasi die Warnklingel
für einen ungelösten und unbewussten psychischen Konflikt. "Wir
halten halsstarrig an unserem Bild vom Rückenschmerz als rein
körperlicher Krankheit fest. " ( Dr. Rüdiger Reck in der
Zeitschrift "Orthopädische Praxis")
Eindeutige Schmerzursachen wie Tumore oder Bandscheibenvorfälle sind
eher selten. Meist handelt es sich um nicht lokalisierbare Probleme. Trotz
Computertomographie und Kernspinresonanz-Tomographie sind die Ursachen
für Rückenschmerzen in 60 bis 80 % aller Fälle unklar. Eine objektive
Indikation ist schwer zu stellen und ergibt sich vielfach erst im
nachhinein durch den Therapieerfolg.
Beispiel Bandscheibenvorfälle: Jeder fünfte Mensch hat rein
anatomisch gesehen einen Bandscheibenvorfall. Doch die meisten wissen
nichts davon. Denn der größte Teil davon verursacht keine Beschwerden.
Wenn nun Schmerzen auftreten und bei einer Untersuchung ein solcher
Vorfall entdeckt wird, machen viele Ärzte die Bandscheibe für die
Schmerzen verantwortlich. Tatsächlich ist sie in rund 40% der Fälle auch
schuld daran. Die übrigen 60% haben jedoch andere Ursachen und sind mit
einer Bandscheiben-Operation nicht heilbar.
Dagegen heilen 90 % aller Bandscheibenvorfälle ohne jede Behandlung.
Bitte ziehen Sie daraus die Schlussfolgerung, dass Röntgen- und ähnliche
Bilder zwar oft wertvoll sind, aber nicht überbewertet werden dürfen und
lassen Sie sich durch Befunde wie "Bandscheibe", "Skoliosis",
"Beckenschiefstand" oder "Abnutzung" nicht ins
Bockshorn jagen !
Schmerzen werden oft durch die kleinen Gelenken zwischen den Wirbeln
verursacht. Nach längerer Überlastung verändert sich die
Knorpelschicht, die die Gelenkflächen auskleidet. Die Knorpelschicht
produziert dann giftige Stoffe, die den Nerv reizen und zu Entzündungen
führen können.
Diese Nervenreizungen sind oft sehr schmerzhaft und schwer zu
diagnostizieren. Solche Entzündungen lassen sich im Prinzip mit der
gezielten Injektion eines entzündungshemmenden Mittels heilen. Allerdings
ist die Lokalisation der entscheidenden Stelle sehr aufwendig und der
Behandlungserfolg nur vorübergehend, wenn die Ursachen für die
Überlastung nicht beseitigt werden.
Ähnliche Erscheinungen treten in verspannten, minderdurchbluteten
Muskeln auf. Dort können bestimmte Eiweiße (hauptsächlich
Prostaglandine) freigesetzt werden, die ebenfalls die Schmerzrezeptoren
reizen.
Die subjektive Stärke des Schmerzes wird nicht nur durch die lokalen
Einwirkungen, sondern auch durch übergeordnete sensorische und vegetative
Zentren, die individuelle Schmerzschwelle und psychische Faktoren stark
beeinflusst. Letztlich entsteht Schmerz immer im Gehirn.
Therapie
Am bekanntesten sind die Bandscheibenoperationen. Es gibt verschiedene
Formen einschl. der Mikrochirurgie.
Viele Experten kritisieren, dass viel zu oft an den Bandscheiben
operiert wird. "Eine Operation ist eigentlich nur dann eindeutig
angezeigt, wenn es Lähmungserscheinungen in den Beinen oder dem
Schließmuskel des Darmes gibt. " ( Prof. J. Krämer, Chirurg in
Bochum)
Wenn der Hausarzt Medikamente gegen Rückenschmerzen verschreibt,
handelt es sich um
- Analgetika (schmerzstillend)
- Muskelrelaxantien (entspannend)
- Antiphlogistika (entzündungshemmend)
Sie lindern die Symptome, beseitigen jedoch nicht die Ursachen.
Eine Expertenrunde des deutschen Gesundheitsministeriums empfiehlt,
eine erfolglose Behandlung nach spätestens sechs Wochen abzubrechen, den
Patienten noch einmal von einem Orthopäden und einem Neurochirurgen
untersuchen zu lassen und einen Psychologen hinzuzuziehen.
Die US-Gesundheitsbehörde beauftragte eine Gremium von 30 Experten mit
der Frage: "Was hilft wirklich bei akuten Rückenschmerzen
?"
Die Experten werteten fast 4000 medizinische Studien aus. Die
Ergebnisse sind überraschend:
- Am besten helfen Wärme sowie Aspirin oder andere leichte
Schmerzmittel. Injektionen von Muskelrelaxantien oder Kortison zeigen
in der Regel keine größere Wirkung.
- Chiropraktik ist wirksamer als die übliche Krankengymnastik.
- Schmerzen im unteren Rücken lassen sich meist am schnellsten
beseitigen, wenn man sich vorsichtig und langsam, aber sonst ganz
normal im Alltag bewegt. Schmerzhafte Bewegungen sollten nur
kurzfristig vermieden und immer wieder versucht werden. Gymnastik oder
gar Bettruhe sind weniger wirksam.
Zur Vorbeugung wird die sog. Rückenschule empfohlen und von den
Krankenkassen bezahlt. Jedoch gibt es erst wenige Studien zur
Effektivität der Rückenschul-Methoden. Und die stimmen bisher eher
skeptisch.
Die Regeln der Rückenschule:
- Bewege Dich viel.
- Halte den Rücken gerade.
- Gehe beim Bücken in die Hocke.
- Hebe nichts Schweres.
- Halte Lasten eng am Körper.
- Sitz gerade und abgestützt.
- Stehe nicht mit geraden Beinen.
- Schlafe mit angezogenen Beinen.
- Nimm so oft wie möglich Stufenlagerung ein.
- Treibe Sport.
- Trainiere täglich die Rückenmuskeln.
Rückenschmerzen und Medizintradition
Nur in 25 % aller Fälle führt eine der üblichen Therapien zum Erfolg.
In den letzten Jahren gab es eine bemerkenswerte Entwicklung. Innerhalb
der Medizin wurden Forschungsergebnisse gewonnen, zur Kenntnis genommen
und öffentlich diskutiert, die zeigen, dass die üblichen Therapien in
vielen Fällen zwar ein Segen, in der Mehrzahl der Fälle aber erfolglos
oder überflüssig sind.
Wissenschaftler, Praktiker und Krankenkassen suchen intensiv nach
Alternativen, ein wirklicher Durchbruch ist aber nicht in Sicht.
Dieser unbefriedigende Zustand ließ das weitverbreitete Vorurteil
entstehen, dass der Mensch im Gegensatz zu den Vierfüßlern eine
Fehlkonstruktion sei.
Manche Mediziner, Heilpraktiker und Krankengymnasten stellen sich die
Wirbelsäule wirklich als Säule vor. Sie gehen davon aus, dass ihre Form
aus der Form der Knochen resultiert und damit "genetisch
bedingt" und unabänderliches Schicksal sei. Sie übersehen, dass ein
Skelett ohne Aufhängungen nur ein formloser Haufen Knochen ist und erst
das Bindegewebe die Knochen aufspannt und damit Form gibt. In den
Anatomiebüchern kommen Faszien und Bindegewebe meist zu kurz (das war vor
100 Jahren etwas anders).
Ebenso stellen sich viele Mediziner die ein Gelenk umgebenden Muskeln als
ein stabilisierendes Korsett vor, das es möglichst stark zu machen gilt
(siehe Regel 11 der Rückenschule).
Manchmal ist aber gerade das Gegenteil der Fall. Das legen die Probleme
vieler muskulöser Sportler und Tänzer sowie die Ergebnisse einiger
Studien nahe, die zeigen dass gerade die fehlende Fähigkeit des
Nachgebens von Muskeln ein Kennzeichen von Schmerzpatienten ist.
Das bedeutet z.B., dass ein gesunder Mensch reflexiv die Rückenmuskeln
entspannt, wenn er die Bauchmuskeln für eine Beugung benutzt.
Schmerzpatienten haben dagegen oft während einer Schonhaltung stark
arbeitende Rückenstrecker entwickelt, die auch bei der Rumpfbeugung nicht
nachgeben.
Wenn dann sowohl Bauch- als auch Rückenmuskeln anspannen, geraten die
Wirbel in eine Art Schraubstock. Daraus entwickelt sich ein Teufelskreis
von Überlastung, Entzündung, Schmerz, Schonhaltung und Überlastung. In
so einem Falle kann das oft obligatorische Bauchmuskeltraining sogar
Schaden anrichten. |