| Schon mal verabredet
gewesen? Mit jemandem, der eigentlich keine Zeit hat? Der nebenbei »ganz
kurz« was anderes macht und dann ganz schnell wegmuss? Sie haben sich
über diese Schwuppdiwupp-Verabredung geärgert? Eben.
Aber praktisch ist‘s -- und schnell.
Dummerweise avanciert das Adjektiv »schnell« zunehmend zur Determinante
allen Tuns. Fix? Gut! Arbeiten, Essen, Informieren, Unterhalten, Reisen,
Erholen -- das darf nicht lange dauern. Autos, Flugzeuge, Bahnen,
Sportler, Arbeiter, Aufträge, Karrieren, Informationen -- alle müssen
fixer werden. Spezialisten treiben die Technik des Zeitsparens bis zur
Perfektion, Controller schleichen durch Betriebe und nehmen Zeiten. Eilige
funktionieren ihr ganzes Leben zum Dreikampf um: schneller, höher,
weiter. Was nicht weiter tragisch wäre, wenn diese Fast-life-Leute für
sich durchs Leben hasten würden. Aber erstens infizieren sie dabei alles
Lebendige um sich herum mit Hektik, und zweitens tragen sie eine
hartnäckige Lüge durch die Welt, die sich rasend fortpflanzt -- dass
schneller auch effektiver, also qualitätsvoller, kurz: besser sei.
Das ist leider Unsinn. Nehmen wir ein
einfaches Beispiel: Arbeitskräfte, die sich während der Arbeit abhetzen,
die sich nie eine Auszeit genehmigen, machen mehr Fehler. Das ist nicht
nur nachvollziehbar, sondern auch bewiesen: Eine McKinsey-Studie
bescheinigt Teilzeitkräften eine bis zu zwanzig Prozent höhere
Produktivität als Round-the-clock-Malochern. Die Vier-Tage-Woche wird VW
daher nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch eine höhere Arbeitsqualität
bescheren und Mitarbeiter, die ausgeruht statt ausgelaugt zum Job
erscheinen (dafür gibt‘s auch schon einen Begriff: »slobbies« --
slow but better working people). In den USA sind findige Bosse längst
dazu übergegangen, ihre Manager nach acht Stunden aus dem Büro und in
die Freizeit zu scheuchen -- schließlich sollen sie auch am nächsten
Tag wieder gute Arbeit leisten.
Und dann die Kosten: Menschen, die ihr
Leben wie Hamster in Laufrädern begreifen, müssen in ihrer Freizeit
wesentlich intensiver, und das heißt auch teurer, entspannen. Ein
Wochenende komprimiertes Relaxen auf der Fitnessfarm, für eine Woche nach
Puerto Rico -- und dann schnell weitergearbeitet.
Außerdem explodieren die
gesellschaftlichen Ausgaben für den sanktionierten Stress. Dieses
merkwürdige Verhalten erinnert an einen Marathonläufer, der beim
Startschuss pfeilschnell loswetzt, um nach ein paar Minuten ausgepumpt
festzustellen, dass er keine Ahnung hat, wo verdammt noch mal eigentlich
das Ziel ist. Mein Vorschlag: Wer meint, sich pausenlos abhetzen zu
müssen, und stolz auf seine Siebzig-Stunden-Wochen ist, soll die Reha
nach dem Herzinfarkt gefälligst selbst bezahlen. Ganz zu schweigen von
den ökologischen Schäden des Lebens im Expresstempo, die entstehen, wenn
man täglich für ein Meeting nach Frankfurt oder eben schnell mal für
eine Woche in die Karibik jettet. Dabei ist es ebenso einfach wie wahr:
Der Wettlauf gegen die Zeit ist auf Dauer für niemanden zu gewinnen.
Nehmen wir meinen Freund Helmut. Er hat
einen Computer, einen 386er, mit dem er völlig zufrieden war. Bis die
486er auf den Markt kamen, die ein paar Nanosekunden fixer sind. Also
kaufen, keucht Helmut. Was ich damit an Zeit spare! Dabei übersieht er,
dass er, um sich den 486er leisten und schneller sein zu können, erst mal
eine ganze Stange Zeit arbeiten muss. Und dass es nicht lange dauern kann,
bis die 586er...
Tempo hat also keinen Sinn, ist aber eine
geniale Marketingstrategie. Wer es zum Beispiel schafft, Tausenden bis
dato ganz normalen Menschen die fixe Idee zu injizieren, sie seien so
wichtig, dass sie immer und schnell erreichbar sein müssten, kann
innerhalb kürzester Zeit selbst so uncoole Geräte wie Telephon-Handys in
beachtlichen Stückzahlen losschlagen. Darauf reingefallen sind wohl auch
die Macher einer Berliner Zeitschrift, die seit ein paar Monaten auf dem
Markt ist. Weil sie immer am Puls der Zeit sein sollten, bekam jedes
Ressort ein Handy in die Hand gedrückt, auf dass man beim Mittagessen, am
Wochenende, selbst auf dem Klo sofort erführe, was so vor sich geht in
der Welt. Einleuchtende Idee. Nur: Irgendwie hat es nicht funktioniert.
Die Redakteure sind ausgebrannt, die Zeitschrift wirkte altbacken und
wurde kürzlich eingestellt.
Überhaupt, Zeitschriften: Eine ganze
Generation neuer, zum Teil gut verkaufter Blätter funktioniert nach der
Idee, der »eilige Leser« müsse mittels Graphiken, Kästen und
Kurztexten beim schnellen Durchblättern informiert werden. »Themen
abfackeln« nennt man so etwas. Nur leider lässt sich das Weltgeschehen
nicht in Light-Artikeln komprimieren, und mit dem eiligen Lesen ist es wie
mit einem Fast-food-Essen: Nachher hat man das unbestimmte Gefühl,
irgendwas konsumiert zu haben. Geblieben ist nichts.
Dennoch triumphiert das Prinzip, unter
anderem im Fernsehen: Filme werden heute so konzipiert, dass
Spannungskurven konstant hoch hangeln, ins Programm zappende Zuschauer
sofort reinkommen in die Handlung, Channel-Hopper am Film klebenbleiben
wie Fliegen an einer fleischfressenden Pflanze. Mit tödlicher
Geschwindigkeit wird jede stehende Sequenz vermieden, Action an Action
gekoppelt bis zum Showdown.
Doch langsam dämmert’s selbst den
Schnellen, dass Geschwindigkeit nicht alles ist. Eine ganze Reihe Leute
versucht, sich vom rasenden Zeitzug abzukoppeln, weil man mit einer
Wait-and-see-Haltung nebenbei eine ganze Menge erreicht: Sie ist nämlich
nicht nur ökologischer und gesünder, sondern auch keinesfalls
langweiliger. Der Hamburger Verleger Dirk Manthey (Max, Fit for Fun) zum
Beispiel ist wohl auch deswegen einer der erfolgreichsten, weil er sich
Jahr für Jahr drei Monate strikte Auszeit gönnt. Hardcore-Genießer
organisieren sich im »Verein zur Verzögerung der Zeit«. Andere
zelebrieren in Slow-food-Klubs die vergessene Kunst des Tafelns. Ihr Credo
lautet »Internationale Bewegung für das Recht auf Genuss«, ihr
Wappentier ist eine Schnecke.
Mittlerweile hat auch das Marketing die
Langsamkeit entdeckt. Die Zigarettenmarke Gauloises präsentiert
plötzlich auf Plakatwänden einen Stoppelbärtigen, der verkündet:
»Heute mache ich mal nur, was ich will: nichts.« Die Autobauer von Opel,
eigentlich von Berufs wegen Künder der Beschleunigung, werben sogar mit
»Nicht schneller ankommen, sondern besser.«
Damit keine Missverständnisse aufkommen:
Dies ist kein Plädoyer für Trantüten. Jene Art von zäher Trägheit,
die in vielen Behörden zelebriert wird, verdient keine Sympathie. Mein
Herd kennt Tiefkühlkost zur Genüge, meditiert habe ich in letzter Zeit
nur vor dem Steuerbescheid, und auch nach meiner Meinung hat der Spruch
»Live fast, die young« -- lebe schnell, stirb jung -- in seiner
Gnadenlosigkeit einiges für sich. Aber jeder, der in nächster Zeit noch
irgendwas in der Richtung »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«
loslässt, kommt ohne Abendbrot ins Bett.
Nicht jedoch, ohne vorher hundertmal »Wer
es eilig hat, mache einen Umweg« in sein Oktavheft gemalt zu haben. Das
hat mal ein Chinese geschrieben. Will sagen: Wer ständig forciert, wer
immer schnell ist, um bloß nichts zu verpassen, übersieht leicht das
Kleingedruckte im Leben. Und weil’s darum schade wär’, kriegt
der Slow-motion-Lebensstil ja langsam vielleicht doch seine Chance.
Dann wird sich auch in der Redaktion der
Bunten einiges ändern. Deren Chefredakteur F. J. Wagner soll noch vor gar
nicht langer Zeit einer gemächlichen Mitarbeiterin »Mutter aller
Schnecken« hinterhergerufen haben. Wer weiß, vielleicht ist das eines
Tages ein Kompliment. |