Weniger ist mehrEine
Einführung in die F.M. Alexander-Technik
von Peter Ruhrberg 1.1 Was ist Alexander-Technik?„Diese Arbeit ist ein Experiment im Herausfinden, was Denken wirklich
ist.“ (Alexander, in Barlow
2002, S. 307) Frederick Matthias Alexander
(1869-1955) begann vor über 110 Jahren, seine Arbeitsweise zu entdecken und zu
entwickeln. Sie gibt jedem Menschen bessere Möglichkeiten an die Hand,
Absichten effektiver umzusetzen, Ziele leichter zu erreichen und Lebensträume
zu verwirklichen. Oft wird die Alexander-Technik zu dem Zweck eingesetzt, die
vorhandene Beweglichkeit zu steigern, Bewegungen leichter und besser auszuführen
und Verhaltensweisen auf die Anforderungen angemessener abzustimmen. Als
Werkzeuge zu dieser Arbeit brauchen wir lediglich unser Bewusstsein und
„gesunden Menschenverstand“, das heißt die Fähigkeit und die Bereitschaft
zu klarem, vernünftigem Denken. (Alexander 1997, S. 47,
110f, 116, 135, 144f, 366, etc.) Die Alexander-Technik ist das Studium und die praktische Anwendung von gültigen Prinzipien (das heißt, grundlegende und universell anwendbare Wahrheiten) für die erfolgreiche Planung und Ausführung sämtlicher menschlicher Tätigkeiten. Alles was wir tun wollen, können wir mit einem höheren Niveau von Fähigkeiten und Erfolgsaussichten erreichen. (Alexander 1997, S. 390f, 409, 473, 573f) Das geschieht dadurch, dass wir lernen, nach neuen Grundlagen zu arbeiten (Alexander 1997, S. 121, 444, 468, 654ff). „Die gewohnten Vorgänge, welche wir Zivilisation und Erziehung nennen, sind allein noch nicht ausreichend, uns mit dem höchsten Erbe des Menschen in Berührung zu bringen: der vollständigen Entfaltung und Ausschöpfung unseres inneren Potentials.“ (Alexander 1997, S. 17) Nach Einschätzung von John Dewey, einem der bedeutendsten amerikanischen Philosophen und Pädagogen des frühen 20. Jahrhunderts, steht Alexanders Arbeit „in der gleichen Relation zu Erziehung, wie Erziehung ihrerseits zu allen anderen Aktivitäten des Menschen steht.“ (Alexander 1997, S. 69, 406, 617) Alexander entdeckte, dass es tatsächlich jedem Menschen möglich ist,
seine inneren Entwicklungsmöglichkeiten voll und ganz zu entfalten und zu
nutzen, und darüber hinaus klarere und bessere Entscheidungen zu treffen, wie
er mit seinen Fähigkeiten umgehen will, und wohin er schließlich gelangen
kann. (Alexander 1997,
S. 17, 120, 135, 230, 596) „Die körperlichen, geistigen und spirituellen
Entwicklungsmöglichkeiten des Menschen sind größer, als wir jemals erkannt
und verwirklicht haben, ja vielleicht sogar größer, als der menschliche Geist
auf seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe sich vorzustellen imstande ist.“ (Alexander
1997, S. 17) 1.2 Der AnsatzWer seine Vorhaben leichter verwirklichen und bessere Resultate erzielen
möchte, muss lernen, die dazugehörigen Anforderungen angemessener und
effektiver zu meistern. Beispiele für
unterschiedliche Resultate
·
Manche Menschen finden bei
langen Wanderungen Erholung, während andere schon nach einem kurzen Spaziergang
völlig erschöpft sind; ·
Viele Menschen, die körperlich
arbeiten oder regelmäßig Sport treiben, bleiben fit und gesund, andere
bekommen bereits vom Schreiben oder Stricken einen „Tennisarm“ oder eine
Sehnenscheidenentzündung; ·
Kinder können in den ersten
Lebensjahren ausdauernd schreien, ohne heiser zu werden, Lehrer, Redner etc.
dagegen haben oft eine „angegriffene Stimme“ oder leiden chronisch an
Heiserkeit. Unerwünschte Begleiterscheinungen (rasches Ermüden, Erschöpfung, Unausgeglichenheit, Verspannungen, Schmerzen, Bewegungseinschränkungen etc.) sind in vielen Fällen gar kein unvermeidliches Schicksal, und noch viel weniger „normale Verschleißerscheinungen“ des Körpers. Viel häufiger als die meisten von uns glauben, sind solche Symptome das Resultat undurchdachter Bewegungs-, Handlungs- und Reaktionsweisen, die uns bei der Erfüllung unserer Aufgaben mehr behindern als nützen. „Nur wenige haben bisher der Frage Aufmerksamkeit geschenkt, zu welchem
Ausmaß wir persönlich verantwortlich sind für die Krankheiten, mit denen wir
geschlagen sind“ (Alexander 1997, S. 521).
Nur wenigen kommt auch gelegentlich der Gedanke, dass für unseren Erfolg und
unser Wohlbefinden vielleicht weniger entscheidend ist, was
wir tun, sondern wie, also
auf welche Art und Weise. (Alexander 1997,
S. 52, 478, 529) Durch Umdenken und Umlernen ist es in vielen Fällen
möglich, „hausgemachte“ Probleme aus der Welt zu schaffen, also solche, die
auf unsere eigenen Handlungsweisen zurückzuführen sind. (Alexander 1997, S. 44,
52, 58, 67, 110f, 117, 122, 125, 232, 378, 538, etc.) Unsere Handlungs- und
Reaktionsweisen beruhen auf den Ideen und Vorstellungen, die wir von unseren
Handlungen haben. (Alexander
1997, S. 40, 108, 119f, 123,
124, 146, 241, 304, 432, 539) Diese Ideen und
Vorstellungen bestimmen unsere Vorgehensweise insgesamt, und damit auch, ob wir
unsere Absichten erfolgreich in die Praxis umsetzen können oder nicht. (Alexander
1997, S. 238) Die
Alexander-Technik zeigt Wege und Möglichkeiten auf, wie wir tägliche Aufgaben,
eigene Vorhaben und gute Ideen ohne unnötigen Aufwand optimal realisieren können
– „so wenig wie möglich, so viel wie nötig.“ (Alexander
1997, S. 62f, 66, 134, 184, 367, 476, 516, 602) Wir können
geeignete Strategien für unsere Vorhaben und Handlungen finden, indem wir
unsere alten Vorstellungen über unsere Handlungsweise überprüfen und neu
durchdenken. (Alexander 1997, S. 52,
125, 163f, 296) Alexander-Unterricht ist
eine Gelegenheit, zu lernen, wie wir mehr praktische Intelligenz in das bringen,
was wir tun. (Jones, S. 3) Praktische Intelligenz zeigt sich darin,
dass sie in der Praxis konstruktive Wirkung zeigt. (Alexander 1997, S. 130f, 211f, 451) Daher stehen im
Alexander-Unterricht oft (je nach Interesse der Schüler) Bewegungen und
praktische Tätigkeiten des täglichen Lebens im Vordergrund. Die Wahl ist dem
Schüler überlassen: sitzen, stehen, gehen, tragen, sprechen, schreiben,
musizieren, tanzen, oder jede andere Tätigkeit, an der ihm gelegen ist. Was es
ist, spielt keine große Rolle. (Alexander
1997, S. 354, 356, 371, 388) Die Aufmerksamkeit liegt viel mehr auf
dem Lernen, sich so zu steuern, dass diese Tätigkeiten mit weniger
Energieaufwand, unkomplizierter, effektiver und harmonischer ausgeübt werden können.
(Alexander 1997, S. 611) Die unmittelbaren körperlichen Wirkungen sind meist: mehr Flexibilität
in Bewegungen, ein erhöhter Bewegungsbereich sowie ein größeres
Bewegungsrepertoire. Gefühle wie Steifigkeit, körperliche Abgeschlagenheit und
Schmerzen, die durch Verspannungen hervorgerufen wurden, verschwinden oft nach
kurzer Zeit. 1.3 AnwendungsbereicheDie größte Stärke der Alexander-Technik liegt in der Prävention, die heute leider immer noch zu sehr unterschätzt wird. (Alexander 1997, S. 269, 275, 294, 296) Vor allem solche Beschwerden, die wir uns durch eigenen, oft nicht erkannten Missbrauch selbst zufügen, können dadurch schon im Vorfeld verhindert werden. (Alexander 1997, S. 268, 271, 278) Meistens kommen die Leute aber erst zum Unterricht, wenn sie schon unter Beschwerden leiden. Im Umgang mit spezifischen Symptomen gilt die gleiche präventive und generelle Vorgehensweise. Indem Menschen lernen, mit ihrem schädlichen Verhalten aufzuhören, kann ihr Organismus wieder allgemein gesünder werden. (Alexander 1997, S. 275, 433) Hier liegt ein wichtiger
Unterschied zwischen den meisten Therapieformen und der Alexander-Technik. Es
ist der fundamentale Unterschied zwischen einer Heilung einerseits (bewirkt
durch ein Heilmittel, welches spezifisch dafür ausgelegt ist, eine bestimmte
Krankheit zu behandeln), und einer allgemeinen Verbesserung des
Gesundheitszustandes andererseits (welche zwangsläufig das Verschwinden
einzelner Krankheitssymptome mit sich bringt). (Jones 1997, S. 35, Alexander 1997, S. 391)
Die Alexander-Technik ist ein Prozess der (Selbst‑)Erzieh##ung. Eine Rückbildung
oder ein Verschwinden der Symptome lässt sich als unvermeidlicher Nebeneffekt
des Lernprozesses ansehen. (Alexander 1997, S. 232,
287, 443, 536, 552, 604, etc.) Dies vorausgeschickt, sind im Folgenden einige Beispiele aufgeführt, weswegen Menschen im Alexander-Technik-Unterricht Hilfe suchen (und meistens finden): Beschwerden – körperlich
und anderweitig
Kopfschmerzen, besonders Spannungskopfschmerzen, Migräne; Tinnitus; Nackenverspannungen, Nackenschmerzen; Verspannungen und Schmerzen an Schultern und Armen; Sehnenscheidenentzündungen; Wirbelsäulenbeschwerden, Bandscheibenprobleme, Rückenschmerzen, „Hexenschuss“; Fehlhaltung, unphysiologische Belastungen, „Buckel“, funktionelle Skoliose; Knie- und Fußprobleme; Stimmstörungen (z.B. chronische Heiserkeit und Überanstrengung beim Sprechen oder Singen); Sprechstörungen (wie Stottern); Atemstörungen, Atemnot, Asthma; körperliche Ungeschicklichkeit oder Unbeweglichkeit; Berufs- oder Sportkrankheiten (wie Schreibkrampf, „Tennisellenbogen“, „Mausarm“); rheumatische Beschwerden, Neuralgien, Sensibilitätsstörungen; Torticollis; übermäßige körperliche Müdigkeit oder Zerschlagenheit; Symptome von Überforderung, Überanstrengung, Stress; Unausgeglichenheit, Nervosität, Schlafstörungen; mangelndes Gefühl von sich selbst, Entfremdung; Prävention funktioneller Krankheiten. Verbesserung
der Koordination
Verbesserung der Atmung; Sprechen mit freier und natürlicher Ausstrahlung; Benutzen der Stimme ohne Verkrampfungen (Sprechen und Singen); Steigerung von Koordination und Geschicklichkeit, z.B. bei der Arbeit, bei Freizeitaktivitäten, bei Sportlern, Künstlern, Musikern etc.; Steigerung der Ausdrucksfähigkeit (bildende Künstler, Musiker, Tänzer, Redner, Schauspieler); lockere Aufrichtung, optische und funktionelle Verbesserung der Haltung; angemessene Gestik und Mimik (z.B. bei Vorträgen); größere Geschicklichkeit im Umgang mit (Musik-)Instrumenten und Werkzeugen; Effektivitätssteigerung. Persönlichkeitsentwicklung
Mehr praktische Intelligenz im Alltag; höhere Belastungsfähigkeit; sich das Leben einfacher machen; selbstbestimmter werden; der Mensch zu werden, der man gerne sein möchte; Aufgeben unerwünschter Gewohnheiten oder störender Abhängigkeiten; sich Träume erfüllen; größere Fähigkeit, überzeugend aufzutreten; Umgang mit „Lampenfieber“; Veränderung herbeiführen und integrieren; mehr Klarheit und Handlungsfähigkeit, v.a. in Veränderungs- und Entscheidungssituationen; mehr Flexibilität in alltäglichen Situationen, entspannteres Umgehen mit ungewohnten Situationen. Noch einmal: niemand muss
krank sein oder Beschwerden haben, um von der Alexander-Technik zu profitieren.
Viele Menschen beginnen aber erst dann über ihre Lebensweise nachzudenken, wenn
sich ihnen Probleme in den Weg stellen, die sie anderweitig nicht beseitigen können.
Wer die Alexander-Technik lernt (alleine oder mit einem Lehrer), tut damit etwas
für sich selbst. Die Alexander-Technik ist keine Behandlung, bei der ein
Therapeut mit einem Klienten „etwas tut“. 1.4 Geschichte und Methodik1.4.1 Alexanders AnfängeF.M. Alexander (geb. 1869 in Wynyard, Australien, gest. 1955 in London)
war ein junger und talentierter Schauspieler. Seine besondere Vorliebe galt der
Rezitation großer Shakespeare-Monologe. Einige Jahre nach Beginn einer
vielversprechenden Karriere begann er, unter Stimmschwierigkeiten zu leiden,
welche regelmäßig bei seinen Darbietungen auftraten. Diese stimmlichen
Schwierigkeiten entwickelten sich immer mehr zu einem ernstlichen Problem und
drohten sogar, seiner Karriere ein Ende zu setzen. Medizinische Maßnahmen und Sprechtraining brachten ihm zu seiner großen
Enttäuschung nicht den gewünschten Erfolg, seine Stimmprobleme verschlimmerten
sich zusehends. Schließlich entschied er, den Ursachen seines Leidens
selbst auf den Grund zu gehen. Er hatte dabei den Verdacht, dass er seine Schwierigkeiten womöglich
selber verursachte. Also begann er, eingehend, systematisch und minutiös zu
studieren, was er eigentlich „tat“, um zu sprechen. Seine geduldigen
und konsequenten Forschungen trugen Früchte: Alexander
entdeckte wesentliche Grundlagen menschlicher Arbeits- und Funktionsweisen, die
zuvor vollkommen unbekannt gewesen waren und die auch im Widerspruch zu dem
standen, was er bis dahin für wahr gehalten hatte. Im Verlauf seiner Untersuchungen fand Alexander heraus, dass seine
Stimmprobleme die Folge einer fehlgeleiteten Art und Weise war, in der er seit
langer Zeit sich selbst als Ganzes steuerte.
Weil aber diese Fehlsteuerung ihm so vertraut geworden war, dass sie ihm völlig
„richtig und normal“ vorkam, war er zunächst vollkommen unfähig, irgend
etwas zu ändern. Alles, was er so zu tun versuchte, wie er es sich wünschte,
scheiterte daran, dass er seine sämtlichen Versuche nur mit seiner alten,
verkehrten Selbststeuerung umsetzen konnte, mit der er alles tat. Erst als er lernte, sich nicht mehr unmittelbar und unbedacht danach zu
orientieren, was ihm seine irreführende Sinneswahrnehmung als „richtig“
meldete, verschaffte er sich die Ausgangsbasis, um durch vernünftige Überlegung
die geeigneten Mittel für sein Ziel herauszufinden, und sich dann so zu
steuern, dass er wirklich nur diese Mittel einsetzte und keine anderen. Dieses Vorgehen brachte ihm schließlich den gewünschten Erfolg: seine
Stimmprobleme verschwanden vollständig und dauerhaft. (Genaueres siehe
Abschnitt 1.11) Mehr noch: sein
allgemeiner Gesundheitszustand verbesserte sich dramatisch. Zudem erreichte er
eine so vollkommene Stimmgebung und Kontrolle, dass Fachleute, Kritiker wie
Kollegen, nur staunen konnten. Natürlich fragten sie sich auch, wie er „es
geschafft hatte“. 1.4.2 Vom Theater zur LehrtätigkeitDurch die Fragen und Bitten seiner Schauspielkollegen sowie befreundeter
Ärzte sah sich Alexander veranlasst, seine Erfahrungen und Erkenntnisse
weiterzugeben. Auf diese Weise entwickelte sich Alexander allmählich vom
Schauspieler zum Lehrer. Mehr und mehr wurde die Lehrtätigkeit zu seinem hauptsächlichen
Lebensinhalt. Er unterrichtete zunächst in Sydney und Melbourne, ab 1904 in
London, und zwischen 1914 und 1943 auch in den USA. Seit den frühen zwanziger
Jahren bildete Alexander seine Studenten auch dazu aus, ihrerseits seine Arbeit
zu unterrichten. Ab 1924 betrieb Alexander mit seinen Assistenten eine Schule für Kinder ab
drei Jahren, wo der gesamte Unterricht auf der Grundlage von Alexanders Arbeit
durchgeführt wurde. Anfang 1931
startete Alexander den ersten regulären Ausbildungskurs für Lehrer seiner
Arbeit. Seit den 70er Jahren werden überall auf der Welt mehr und mehr
Ausbildungskurse für Alexander-Lehrer durchgeführt. Inzwischen gibt es
weltweit mehr als 4.000 ausgebildete Alexander-Lehrer, die in etwa zwanzig
nationalen und internationalen Verbänden mit gegenseitiger Anerkennung
zusammengeschlossen sind (Stand: Januar 2004). In Deutschland existiert der ATVD (Alexander-Technik-Verband Deutschland e.V.),
der u.a. auch die Ausbildungsstandards überwacht. 1.4.3 Erweiterte Anwendung und PerspektiveUrsprünglich war Alexanders Lehrtätigkeit beschränkt auf
Unterweisungen in Atmung und Stimmproduktion. Jedoch stellte sich allmählich
heraus, dass seine Erkenntnisse für viel mehr Anwendungsbereiche gültig waren.
Inzwischen hat sich erwiesen: Alexander fand allgemeingültige Gesetze für die
Planung und Koordination von Bewegung heraus. Diese Gesetze sind von unschätzbarem
Wert, wenn wir die Ausführung und damit die Resultate aller unserer Handlungen
grundlegend und dauerhaft verbessern möchten. Viele prominente Schüler haben sich über die positiven Wirkungen der
Alexander-Technik auf ihr Leben geäußert: George Bernard Shaw, Aldous Huxley,
John Dewey, Roald Dahl, Paul Newman, Kevin Kline, John Cleese, Robin Williams,
William Hurt, Keanu Reeves, Paul McCartney, Sting, Julian Bream, Yehudi Menuhin,
James Galway, Frederick Perls, Moshe Feldenkrais, Ben Gurion. Die umfassende Wirkungsweise der Alexander-Technik wurde mittlerweile
auch in einer Reihe von wissenschaftlichen Untersuchungen belegt.[1]
Ihre Anwendung ist vielfältig: in England und den USA wird die
Alexander-Technik seit langer Zeit im Managertraining und im Spitzensport
eingesetzt, in Israel zur Ausbildung von Piloten, in Deutschland und der Schweiz
zur Verbesserung von Präsentationstechniken oder auch zur Stressbewältigung.
In Australien gehört sie zum Grundstudium der Physiotherapieausbildung. Im
angelsächsischen Raum ist die Alexander-Technik an fast jeder renommierten
Institution der bildenden oder darstellenden Kunst fester Bestandteil des
Lehrplans. Der große Erfolg und die breite Palette der Anwendungsmöglichkeiten der
Alexander-Technik ist eigentlich nicht überraschend. Denn wenn wir lernen,
unsere geistigen Fähigkeiten in bewusster, vernünftiger, schöpferischer und
flexibler Weise zu lenken, dann werden wir fähig, bei allen unseren Vorhaben an
grundlegenden Naturgesetzen orientiert zu arbeiten – und dadurch unser
gesamtes Potential auszuschöpfen. 1.5 Definition „Alexander-Technik“Aus
den zahlreichen existierenden Definitionen der Alexander-Technik verwenden wir
als Ausgangspunkt die folgende: Die
Alexander-Technik ist ein Studium mit dem Thema: Untersuchen
wir diese einfachen Worte etwas näher. Alexander-Technik ist aus
dem englischen Ausdruck Alexander
Technique hergeleitet. Die
Definition für Technik in Wahrigs
deutschem Wörterbuch („Kunst, mit den
zweckmäßigsten und sparsamsten Mitteln ein bestimmtes Ziel oder die beste
Leistung zu erreichen“) erfasst recht treffend den Sinn des Wortes technique.
Demgegenüber ist die verbreitete Bedeutung des Wortes Technik („besondere,
in bestimmter Weise festgelegte Art der Ausführung von etwas“)
irreführend, da sie Alexanders Arbeitsweise ungenügend wiedergibt. (Alexander
1997, S. 84, 666f) Studium bedeutet, Zeit
und Energie in Lernen zu investieren. (Alexander
1997, S. 276, 373, 645) Dazu gehört z.B. das Sammeln von
Informationen mit dem Zweck, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, die uns neue
Handlungsmöglichkeiten eröffnen. (Alexander
1997, S. 207, 519) Die bloße Anhäufung von „richtigen
Antworten“ nützt uns wenig, so lange wir nicht lernen, die verschiedenen
Elemente des Wissens miteinander zu verknüpfen. (Alexander
1997, S. 287, 523) Lernen in der Alexander-Technik ist ein lebenslanger Prozess, mit dem wir
uns mittels vernünftiger Überlegungen vom Bekannten zum Unbekannten hin
bewegen. (Alexander 1997, S. 116,
235, 388f, 457, 519, 645, 656) Der Zweck dieses Lernprozesses ist, sich an gültigen
Prinzipien (siehe 1.1) zu orientieren
und Mittel zu erdenken, diese Prinzipien in
der Praxis nutzbringend anzuwenden, z.B. in Form von Handlungsgrundsätzen. (Alexander
1997, S. 57, 84, 121, 211, 434) Dazu zählt auch, dass wir Gesetze
und Regeln aufstellen, die dem Zweck dienen sollen, Ursache-Wirkungs-Beziehungen
zu erfassen und zu beschreiben. Grundlegende kausale Beziehungen (mechanische,
biologische, physiologische etc.) ändern sich selbst nicht. Doch je mehr wir
uns mit diesen Beziehungen in experimenteller und konstruktiver Weise beschäftigen,
desto mehr wird unser Verständnis von ihnen – und damit auch die Formulierung
unserer Regeln – sich ändern, verfeinern, präziser und detaillierter werden. Zum Lernen gehören daher unter anderem auch: Beobachten – Überlegen
– Fragen stellen – in Frage stellen – Ideen entwickeln – Experimente
ausdenken und durchführen – Urteilsfähigkeit ausbilden – Schlussfolgern
– Erfahrungen auswerten und anwenden. Mindestens drei Voraussetzungen sind zum Studieren nötig: Neugier,
Begeisterung und gesunde Skepsis. (Alexander
1997, S. 88, 90, 268) Ausdauer und Beharrlichkeit ergeben sich meist
von selbst durch das Zusammenwirken dieser drei Faktoren. Vor allem jedoch soll
wirkliches Studieren Spaß machen, sonst wird es nicht zu der aufregenden
und spannenden Tätigkeit werden, die es sein kann. (Barlow
2002, S. 297) Denken – Beschreibungen
für einige verschiedene Bereiche und Aspekte des Denkens: Wahrnehmen von Außen-
und Innenwelt – Erkennen – Begreifen – Erinnern – Zusammenhänge
erfassen – Konsequenzen abschätzen und beurteilen – Absichten bilden und
beibehalten – Entscheidungen treffen und Entschlüsse fassen – Aktionen
planen und durchführen – die geistige Tätigkeit, welche die Art und Weise
einer Bewegung oder Handlung bestimmt – Auswertung und Interpretation. Eine
weitere Art des Denkens ist beteiligt, wenn wir uns Fragen stellen wie:
„Warum?“ „Wäre es sinnvoll, etwas auf diese Art und Weise zu tun?“
„Ist diese Schlussfolgerung plausibel?“ Alexander bezeichnete diese Tätigkeit
als vernünftiges Überlegen. Denken
bedeutet nicht zuletzt auch die Art der Schulung, der man sich unterzieht, um
alle diese Schritte ausführen zu können. Neurologen können „Denken“ ansehen als Botschaften des Nervensystems
– eine ebenso einfache wie umfassende Sichtweise. Ich möchte eine weitere
Beschreibung der Tätigkeit „Denken“ hinzufügen: sämtliche Geistes- und Nervenaktivität. Bewegung – auch hier
gibt es mehrere Ebenen. Am offensichtlichsten ist Bewegung auf der Ebene der
Fortbewegung, der gestischen Bewegung und der Mimik. Doch auch wenn wir bloß
stehen, sitzen, denken oder schlafen, bewegen wir uns. Ohne Bewegung ist keine
menschliche Aktivität möglich. Solange wir leben, bewegen wir uns, und zwar
andauernd: Atmung, Herz und Kreislauf, innere Organe und vor allem das
Muskelsystem sind ständig aktiv. In der Alexander-Technik beschäftigen wir uns hauptsächlich mit solchen
Bewegungen, denen eine Intention zugrunde liegt. Indem wir unser Denken
verbessern und uns klarer über unsere Intentionen werden, verbessern wir unsere
Aktivitäten – und damit indirekt auch Bewegungen, die nicht unserem Willen
unterliegen. (Alexander 1997, S. 432) Denken in Beziehung zu Bewegung – Welches Verhältnis besteht zwischen Denken und Bewegung? Wie kommt
Bewegung zustande? Wie hängen Steuerung und Wahrnehmung unserer Bewegung
zusammen? Die Art und Weise, wie wir über Bewegung nachdenken, unsere Bewegungen
planen, uns für Bewegung organisieren, über unsere Bewegung denken, während
wir sie ausführen und schließlich unsere Bewegungen auswerten und
interpretieren, bestimmt die Art und Weise unserer Bewegungen: ihre Qualität,
Klarheit, Effizienz, Harmonie und Koordiniertheit. Zusammengefasst:
Die Qualität unseres Denkens wirkt sich darauf aus, wie gut und wie mühelos
wir die Dinge tun können, die wir tun möchten. Was
wir denken, bekommen wir auch. 1.6 Ein Gedanke zum AuftaktSobald
wir uns bewegen, gilt: Die
Balance des Kopfes im beweglichen Verhältnis zum Körper ist
der Schlüssel zu Freiheit und zu Leichtigkeit von Bewegung. Anders ausgedrückt: Die Balance des Kopfes im beweglichen Verhältnis
zum Körper ·
ist maßgeblich und
kennzeichnend für unsere gesamte Koordination, Bewegungsabläufe und den ökonomischen
Einsatz unserer Kräfte und Energien; (Alexander 1997, S. 526, 597) ·
und kann von uns beeinflusst
werden zu unserem Vorteil – jedoch nur auf indirekte Weise. (Alexander
1997, S. 640) Der Ausdruck „Balance … im beweglichen Verhältnis“ ist mit Bedacht
gewählt – und das Wort „Haltung“ mit Absicht vermieden. Denn
„Haltung“ impliziert zu sehr eine bestimmte Anordnung und zugleich einen
statischen Zustand. (Alexander 1997, S. 156,
308, 320, 354, 585; Jones, S. 46)
Viele Menschen glauben, dass es tatsächlich eine
richtige Haltung gäbe, eine richtige
Art zu sitzen (oder gar eine richtige
Art zu sein). Manche können sogar eine Litanei geeigneter Anweisungen
herunterbeten, um „richtige Haltung“ zu erreichen („Kinn rein, Brust raus,
Schultern zurück“ etc.). Solche Menschen glauben tatsächlich, dass wenn sie
jederzeit diese optimale Anordnung ihrer Teile beibehalten könnten, sie dann
eine „richtige Haltung hätten“ – und genau dies ist eine statische
Vorstellung. Eine der Stärken von Alexanders Arbeit ist die Erkenntnis, dass der
Mensch dafür konstruiert ist, ständig in Bewegung zu sein. Wichtiger noch: wir
sind in ständiger Bewegung, ganz
gleich, was unsere übliche Vorstellung von Bewegung ist. Andauernd ereignen
sich Verlagerungen und Ausgleichsbewegungen unserer Körperteile untereinander,
sogar dann, wenn wir glauben, wir bewegten uns nicht. 1.7 Zwei Entdeckungen Alexanders1.7.1
In jeder Bewegung entsteht eine Änderung der Beziehung zwischen Kopf und
Körper,
|
|
Sind
wir von Natur aus fehlkonstruiert |
O |
Sind
wir von Natur aus perfekt konstruiert |
Speziell für das unter 1.8.7 angesprochene
Korrekturmodell könnte diese Entscheidung zum Beispiel so lauten:
Bewegen wir uns tatsächlich ungünstig, weil wir „eine schlechte
Koordination haben“? Oder ist es nicht vielmehr unser fehlerhaftes Denken, das
sich deswegen so klar in fehlerhaften Bewegungen äußert, weil wir perfekt
koordiniert sind? Müssen wir unseren Organismus tatsächlich zu einer
physiologisch natürlichen und richtigen Funktionsweise zwingen? Oder ist es
gerade diese Vorstellung, die verkehrt ist – würde also unser Organismus
vielleicht natürlicher und harmonischer funktionieren, wenn wir mit unserer zusätzlichen
Anstrengung aufhören?
Unsere
Entscheidung bestimmt den Weg, den wir verfolgen werden. Das heißt: mit unserer
Entscheidung darüber, ob wir von der Natur gut oder schlecht konstruiert sind,
bestimmen wir grundlegend und andauernd die Wege und Methoden, mit denen wir
positive Veränderungen in der Art unseres Denkens und Handelns herbeiführen möchten.
Ob ein bestimmter eingeschlagener Weg und die zugehörigen angewandten Methoden
uns weiter helfen, werden wir an den Ergebnissen der praktischen Experimente
erkennen, die wir mit den neuen Methoden unternehmen.
Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wäre,
aber soviel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.
Georg
Christoph Lichtenberg
Wie bei jeder anderen Methode auch sind die Vorgehensweisen der
Alexander-Technik bestimmt durch ihre Grundannahmen. Einige davon sind im
Folgenden aufgeführt.
Alexander betrachtete den Organismus und sein Funktionieren als ein
Ganzes, als psycho-physische Einheit. Es ist unmöglich, in unserer Vorstellung
die Vorgänge des Organismus in spezifisch geistige und spezifisch körperliche
einzuteilen. (Alexander 1997, S. 228,
241, 262, 267, 409f, 432ff, 516) Jedoch bedeutet die Idee einer
psycho-physischen Einheit für Alexander nicht etwa eine Verleugnung kausaler
Beziehungen, im Gegenteil. (Alexander
1997, S. 35, 63, 92, 117, 120, 125, 251f, 385, 391f, 393f, 491, etc)
Die Ursachen und treibenden Kräfte unserer Handlungen (und ihrer Resultate)
liegen in der Art und Weise unseres Denkens. (Alexander 1997, S. 52, 57f, 120, 122f, 656) Wollen wir
etwas an unseren Resultaten ändern, nutzen wir unsere psycho-physische Einheit
konstruktiv am besten dadurch, dass wir unsere Ideen und Denkweisen ändern,
durch die wir unsere Handlungen veranlassen. (Alexander
1997, S. 62, 66, 123f, 125, 310, 433f)
Angenommen wir haben es mit einer Schwierigkeit oder einem Problem zu
tun, das verursacht wird durch etwas, was wir selber machen, etwa durch unnötige
Bewegungen oder zuviel Anspannung. Wir könnten viel Zeit damit verbringen, eine
Lösung für das Problem zu finden – zum Beispiel herausfinden, was wir
„tun“ könnten, um die Schwierigkeit zu beseitigen. (Alexander
1997, S. 62, 310f) Nur: wenn das Problem ist, dass wir bereits
zuviel tun, ist „noch mehr tun“ wahrscheinlich nicht die Lösung. (Alexander
1997, S. 145, 294)
Was würde aber passieren, wenn wir schlicht damit aufhören würden, das
zu tun, was das Problem verursacht? Dann müssten wir nie wieder nach einer Lösung
suchen, weil wir uns nicht einmal die Arbeit machen würden, das Problem zu
erzeugen. (Alexander 1997, S. 410, 414f,
573; 1996, S. vii)
Alles sollte so einfach
wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher.
Albert
Einstein
Die Prävention falscher Steuerung ist in Alexanders Arbeit immer der
erste Schritt und der Hauptfokus, reicht aber in manchen Fällen als alleiniges
Mittel nicht aus. (Alexander 1997, S. 117f,
591) Gelegentlich ist es zusätzlich nötig, zu überlegen, welche Mittel bzw.
Schritte für unser beabsichtigtes Vorhaben tatsächlich notwendig sind. (Alexander
1997, S. 122f, 422) Vielleicht müssen wir uns sogar zunächst
fragen, was der Zweck oder das Ziel unserer Handlungen ist, und warum oder wozu
wir dieses Ziel erreichen wollen. (Alexander
1997, S. 63f, 427, 472) Und schließlich: damit die nötigen
Schritte, die wir ermittelt haben, auch erfolgreich zu realisieren sind, müssen
wir sie vernünftigerweise so gestalten, dass sie verhältnismäßig einfach zu
gehen sind. (Alexander 1997, S. 444,
583) Denn das, was den Menschen mit am meisten unterstützt und fördert, vor
allem beim Lernen, ist Selbstvertrauen,
und dieses steht und fällt mit dem Umfang und Niveau seines bisherigen Erfolges
und seiner Erfolgsaussichten. (Alexander
1997, S. 341, 383f, 387, 389, 589, 658)
Alexander betont in seinen Büchern und Schriften ebenso unablässig wie
unmissverständlich, dass Vernunft (reason)
und vernünftig überlegendes Denken (reasoning)
zentral und unverzichtbar für seine Arbeit sind. Er schreibt, dass das, was
jemand denkt, seinen Zustand und sein Befinden zum großen Teil verursachen:
„Nach meiner langen Unterrichtserfahrung zögere ich keinen Moment
festzustellen, dass fixierte Ideen und Vorstellungen, die ein Mensch hat, den größeren
Teil seiner Schwierigkeiten erzeugen, die er erlebt.“ (Alexander
1997, S. 294) Vorgefasste Ansichten, fest sitzende Denkgewohnheiten,
unüberprüfte Glaubensüberzeugungen und unumstößliche Vorurteile bilden die
größten Hindernisse beim Lernen allgemein. (Alexander
1997, S. 38, 61, 123, 656)
Die Kunst, erfolgreich zu leben und sich gut zu entwickeln, ist
untrennbar verbunden mit Unvoreingenommenheit, Flexibilität, Vielseitigkeit,
Einfallsreichtum und Kreativität, und diese sind wiederum eng und unlösbar
verknüpft mit vernünftiger Denkweise. (Alexander
1997, S. 38f, 57, 61, 65, 87, 109, 110, 116, 288, 661) Ob ein
Individuum in unserer Zivilisation sich befriedigend entwickelt, hängt für
Alexander von einem entscheidenden Handlungsgrundsatz ab, nämlich sich
die vernünftigen Mittel auszudenken, durch die ein bestimmtes Ziel erreicht
werden kann. (Alexander 1997, S. 261) Dies ist Alexanders Alternative
zu der verbreiteten Tendenz, ohne weiteres Nachdenken entsprechend dem zu
handeln, was bislang als richtig erschien und gebräuchlich war. In der Praxis
bedeutet das, mit Aufgeschlossenheit und gesundem Menschenverstand vorzugehen. (Alexander
1997, S. 110f, 271, 346) Mit diesem Vorgehen können wir auch
lernen, unsere Wahlfreiheit zu nutzen und unsere Entscheidungsfähigkeit
auszubilden, vor allem wenn wir Entscheidungen in die Tat umsetzen möchten,
die unseren bisherigen Denkweisen zuwiderlaufen. Alexanders Arbeit enthält und
fördert diese geistige Schulung. (Alexander
1997, S. 91, 540, 581, 586, 597, 601f)
Die bislang angeführten Grundannahmen der Alexander-Technik wären
jedoch wertlos, wenn nicht eine weitere Grundannahme zuträfe:
Diese Ansicht ist Alexanders Antwort auf die Frage, die ich im Abschnitt 1.8.9 zur Entscheidung vorgelegt hatte. (Alexander 1997, S. 5, 164, 230, 244, 259f, 523) Alexander fasst seine Ansicht und die Idee der Prävention zusammen in seinem oft zitierten Ausspruch: „Wenn wir aufhören, das Falsche zu tun, tut sich das Richtige von selbst.“ (Carrington, 1994 S. 74; Goldie, in Robb 1999, S. 53; Barlow, in Fischer 2001, S. 145f)
*
*
*
Natürlich gibt es noch weitere Besonderheiten, welche die Sicht- und
Vorgehensweise der Alexander-Technik charakterisieren und auf die ich im
Folgenden zum Teil eingehen werde. An den bislang aufgeführten lässt sich aber
bereits erkennen, dass der Schwerpunkt der Alexander-Technik nicht auf dem
Versuch liegt, spezifische Schwierigkeiten auf spezielle und direkte Art und
Weise zu behandeln oder zu heilen. (Alexander
1997, S. 161f, 232, 268f, 275, 526, 536, 559, 604) Die
Alexander-Technik arbeitet statt dessen mit einem indirekten, allgemeinen und
grundlegenden Ansatz der Schulung und des Trainings. (Alexander 1997, S. 58, 286f, 359, 373)
Wenn wir uns jemals erfolgreich verändern wollen, müssen wir lernen,
unseren Geist so zu schulen, dass wir unsere bisher gelernten Abläufe der
Steuerung unserer selbst dominieren können. (Alexander
1997, S. 424) Wir müssen unseren Geist so schulen, dass er nach
Grundsätzen der Selbststeuerung arbeitet, die wir vernünftig und bewusst auswählen,
die flexibel sind und die ihrerseits der Neubewertung und der Möglichkeit zur
Veränderung unterliegen. Wir müssen unseren Geist in einer Weise schulen, dass
wir wirksam und dauerhaft die Vorherrschaft zurückgewinnen können, die wir
unserer bislang üblichen Art und Weise der Steuerung überlassen hatten. Genau
das tat Alexander, und vielleicht war sein viel zitierter Satz sogar als
Ermutigung gemeint: „Jeder kann tun, was
ich tue, wenn er das tut, was ich getan habe.“ (Barlow,
2002, S. 298)
Der Plan, den Alexander für seine eigene Schulung entwarf und uns
unterbreitet, erfordert von uns ein völliges Umdenken und die Bereitschaft, unsere
tief sitzenden Glaubensüberzeugungen, Lieblingsstrategien und angelernten
Handlungsweisen neu zu prüfen – und falls nötig auch aufzugeben, ganz gleich
wie vertraut sie uns bislang geworden sind. (Alexander
1997, S. 268, 518f, 648, 656; Alexander
2000, S. 180) Wir müssen unser Vertrauen in „Korrektur“ als
Verfahren zur Wiederherstellung wünschenswerter Bedingungen aufgeben und
lernen, für unser Bewegungsverhalten etwas anderem zu vertrauen als unserem Gefühl.
(Alexander 1997, S. 121, 163,
306, 422, 426f) Wir müssen lernen, falsche Vorstellungen und Ansichten zu
identifizieren und zu überwinden, und an deren Stelle ein klares Verständnis
dafür auszubilden, wie wir konstruiert sind und wie wir funktionieren. (Alexander
1997, S. 17, 84, 119, 211, 267, 381) Wir werden dieselben Verfahren
erlernen und dieselben Stadien durchlaufen müssen wie Alexander, als er mit der
Erfahrung andauernden Scheiterns konfrontiert war, und wir werden uns in
denselben Gebieten geistig schulen müssen, um in den Genuss des Erfolges zu
kommen, den er erreichte.
„Wenn
ich jemals fähig sein wollte, befriedigend zu reagieren auf den Anreiz, meine
Stimme einzusetzen, musste ich meine alte, instinktive (unüberlegte) Steuerung
meiner selbst ersetzen durch eine neue, bewusste (überlegte) Steuerung“, heißt
es im ersten Kapitel von Alexanders drittem Buch Der
Gebrauch des Selbst (S. 423). Dieses Kapitel beschreibt die Erfahrungen
und Entscheidungen, die Alexander durchlebte, als er die Fähigkeit erlernte,
den Gebrauch von sich selbst anders zu steuern. (Alexander
1997, S. 411-29) Dieses Kapitel halte ich für das wichtigste
Dokument in der Alexander-Technik überhaupt, denn hier liefert Alexander einen
funktionierenden und nachvollziehbaren Konstruktionsplan, um menschliche
Handlungsweise grundlegend und konstruktiv zu ändern.
Im
folgenden Abschnitt werden wir anhand dieser Geschichte die fünf Schritte
mentaler Schulung kennen lernen, die Alexander entwarf und durchlief, um schließlich
die Probleme endgültig aus der Welt zu schaffen, die er durch seine eigene
falsche Steuerung verursacht hatte.
Alexander musste feststellen, dass er seine bisherige Art, sich zu
steuern, nicht mehr verwenden konnte. (Alexander
1997, S. 419) Da diese unbrauchbar gewordene Art der Selbststeuerung
verknüpft war mit Gefühlen, auf die er sich ebenfalls nicht mehr verlassen
konnte, musste er sie durch eine neue Art ersetzen, die ausschließlich auf
seinem vernunftorientierten Denken beruhte. Eine solche Steuerung musste zwangsläufig
vollkommen unabhängig und losgelöst von seinen Gefühlen sein – sowohl in
direkter, aber auch in jeder möglichen mittelbaren Art und Weise. (Alexander
1997, S. 422)
Um dies zu erreichen, entschied er:
1.
die momentanen Bedingungen zu analysieren,
2.
die Mittel auszuwählen (sich zu überlegen), die für sein Ziel besser
geeignet waren,
3.
die Anweisungen bewusst und mit Überlegung
zu projizieren, die nötig sind, um diese Mittel zum Einsatz zu bringen. (Alexander
1997, S. 423)
Mit anderen Worten: wenn ich irgend ein Vorhaben in die Tat umsetzen möchte,
muss ich mir irgend eine Abfolge von Schritten ausdenken, mit denen ich dieses
Vorhaben ausführen möchte. Natürlich kann ich mich dabei auf vergangene
Abfolgen berufen – allerdings besteht dabei die Gefahr, dass zumindest ein
Teil meiner selbst auf frühere Bedingungen reagiert statt auf die jetzigen.
Wenn ich aber dieses dreiteilige Vorgehen anwende, begebe ich mich mitten
ins Hier und Jetzt. Ich sehe mir den Zustand und die Bedingungen an, die in
diesem Augenblick vorhanden sind – nicht das, woran mich die jetzigen
Bedingungen ohne weiteres Nachdenken vielleicht erinnern. Auf diesem Wege kann
ich lernen, eine Reaktion auszuwählen, die für die vorhandene Situation maßgeschneidert
ist. Ich kann mir überlegen, welche Handlungsweisen für die gegebene Situation
angemessen wären, und ich kann dann entscheiden, diese Handlungsweisen auszuführen.
Dieser Prozess bildet einen unverzichtbaren Kern der Alexander-Technik.
Jedes Mal einen Ablauf von Schritten neu zu entwerfen, welche für die
anliegende Aufgabe geeignet sind, bedeutet nicht nur die Anwendung gesunden
Menschenverstandes, es ist vielleicht das Kennzeichen
von Alexanders Arbeit. (Alexander 1997, S. 346)
Außerdem nutzt es ein weiteres Grundprinzip Alexanders: nämlich die direkte
Beziehung zwischen geeigneten Mitteln und Erfolgswahrscheinlichkeit. Sofern das
von uns gewünschte Ziel erreichbar ist, und falls der Prozess, den wir
verwenden, um dieses Ziel zu erreichen, angemessen ist, und wenn wir in der
Praxis die Abfolge von Schritten einhalten, die wir uns als die für unser Ziel
bestgeeigneten überlegt haben, dann wird es unausweichlich sein, dass wir unser
Ziel erreichen. (Alexander 1997, S. 234, 309, 587)
Der ganze Schlüssel zu diesem Vorgehen ist zugleich der erste Schritt
der geistigen Schulung in Alexanders Arbeit: nämlich zu lernen, unsere
Aufmerksamkeit abzuwenden von der bisher üblichen Art und Weise, zum Ziel zu
gelangen, und auch abzuwenden von Gefühlen, die wir in der Vergangenheit
vielleicht gehabt haben. Dies erlaubt uns, unsere geistigen Fähigkeiten auf das
Erkennen, die Ausarbeitung und die Durchführung der Schritte zu richten, die
notwendig sind, damit wir unser Ziel erreichen.
Alexander glaubte, seine neu entwickelte Art des Denkens wäre die
Antwort auf alle seine Probleme. Als er aber damit experimentierte, entdeckte er
etwas Bemerkenswertes und Überraschendes. Er konnte über sein neues Verfahren
nachdenken und den Zustand seiner Stimmorgane nur so lange erfolgreich
verbessern, wie er nicht sprach. (Alexander
1997, S. 423) Genau im entscheidenden Augenblick, wo er versuchte,
sein Ziel durch Mittel zu erreichen, die mit seinen alten Mitteln im Konflikt
standen, wurden seine überlegten Anweisungen zur Steuerung (ganz gleich, wie gründlich
er sie sich überlegt hatte) durch seine instinktiven Anweisungen beherrscht. (Alexander
1997, S. 417, 423, 426-29) Diese falschen Anweisungen bestimmten
also immer noch die Art und Weise seiner
Reaktion auf den Anreiz zu sprechen. (Alexander
1997, S. 423f) Sobald er den Anreiz zum Sprechen bekam – das heißt:
sobald er die Entscheidung zum Sprechen traf (Alexander
1997, S. 422, 428) – versuchte er, unmittelbar etwas zu „tun“,
um zu sprechen. Sobald er versuchte, etwas zu „tun“, um zu sprechen,
verwendete er wieder seine alten Steuerungsanweisungen, um es zu „tun“. (Alexander
1997, S. 424) Sobald diese Steuerungsbefehle ausgesendet wurden,
reagierte er in seiner alten, üblichen Weise, weil diejenigen Befehle am
schnellsten und am stärksten ausgesendet wurden, die seine alten, falschen
Bewegungsweisen verursachten.
Wenn er diese Schwierigkeit überwinden wollte, schrieb Alexander:
„wird es für mich notwendig sein, die
Erfahrung zu machen, einen Anreiz zum Sprechen zu bekommen und mich zu weigern,
irgend etwas unmittelbar als Reaktion darauf zu tun.“ (Alexander 1997, S. 424) So lange er auf seine
Entscheidung zu sprechen hin direkt
reagierte, war es garantiert, dass seine Reaktion mit Hilfe seiner alten
Steuerung erzeugt wurde. Folglich musste er lernen, diese sofortige Reaktion zu
stoppen.
Was Alexander dabei stoppen musste, war sein altes, nicht
vernunftgesteuertes Denken, das seine vertraute, falsche Art und Weise von
Bewegung erzeugte. Er musste also lernen, irgend einen Anreiz zu bekommen und überhaupt
keine Reaktion darauf in Gang zu setzen, so dass er sich schließlich von seiner
alten, vertrauten Fehlsteuerung befreien konnte. Diese neue mentale Schulung
nannte er Inhibition. (Alexander
1997, S. 300, 326, 422, 590)
Inhibition ist eine rein geistige Schulung. Die Intention dieser Schulung
ist eine konstruktive Loslösung jeglicher Reaktion von einem (internen oder
externen) Anreiz. Diese Abtrennung gibt uns die Zeit und die innere Freiheit,
die Art des Denkens auszubilden, das notwendig ist, damit wir uns eine Reaktion
auf überlegtere Weise ausdenken und umsetzen können. Ob wir Inhibition
erfolgreich lernen und anwenden oder nicht, hängt nicht davon ab, ob wir irgend
eine Bewegung ausführen oder nicht. Es gibt keine Aktivität, keine Bewegung,
und auch kein Unterbinden von Bewegung, die irgend etwas mit dem Prozess der
Inhibition zu tun hätte. Es gibt rein gar nichts zu „tun“, um Inhibition zu
lernen oder auszuüben.
Diese Schulung führte Alexander wiederum zu einer langen Periode
praktischen Erforschens. Er bereitete Experimente vor, die gewährleisten
sollten, dass er eine Aktivität beginnen
und gleichzeitig seine unmittelbare Reaktion kontinuierlich stoppen konnte,
womit er die Vorherrschaft seiner alten falschen Steuerung abwehren konnte.
Dabei stieß er auf einen dritten, sehr wichtigen Schulungsprozess in seiner
Arbeit.
Er entschied, „[seine] Arbeit darauf zu beschränken, [sich] die
Anweisungen zu geben für die neuen, durchdachten Mittel, um [sein] Ziel zu
erreichen, ohne den Versuch zu machen, irgend etwas daraufhin zu ‚tun’ oder
seine neuen Mittel mit der Tätigkeit ‚Sprechen’ auch nur in Verbindung zu
bringen.“ (Alexander 1997, S. 424)
Das heißt, dass Alexander in diesem neuen Entwicklungsstadium nicht nur
Inhibition übte, während er sich die für seine erwünschte Tätigkeit
erforderlichen Anweisungen gab, sondern dass er auch mit voller Absicht
beschloss, diese neuen Anweisungen nicht
auszuführen.
Wie wichtig die Ausübung dieses Prozesses ist, wird erkennbar an der Länge
der Zeit, die Alexander ihm widmete. Er gab diese neuen Anweisungen vor dem
Spiegel lange Zeit hintereinander, für aufeinanderfolgende Tage und Wochen und
manchmal sogar Monate, bevor er sich an den nächsten Schritt machen konnte, nämlich
sich zu überlegen, wie er seine damit gewonnenen Erfahrungen in die Praxis
umsetzen könnte. (Alexander 1997, S. 424)
Durch die Erfahrungen, die Alexander dadurch gewann, dass er die Fähigkeiten
der Inhibition als auch des Gebens
von Anweisungen ohne sie zu „tun“ einübte, begann er eine neue mentale
Schulung und Fähigkeit zu entwickeln, die vollkommen anders war als alles zuvor
und die ich das Prinzip additiven Denkens nennen
möchte. Er lernte:
·
dass beim Geben einer Serie
von Anweisungen für eine Tätigkeit er die für den ersten Schritt des
„Tuns“ vorbereitenden Anweisungen sehr oft geben musste, und
·
dass er mit diesem Prozess
fortfahren musste, wenn er sich daran machte, sich der Reihe nach die
vorbereitenden Anweisungen für alle folgenden Schritte des „Tuns“ zu geben.
(Alexander 1997, S. 424f)
Wie wichtig es ist, gerade dieses Verfahren zu üben und zu lernen, kann
gar nicht überbetont werden.
Die zuvor erwähnten drei Vorgehensweisen werden zwar von den wenigsten
Menschen auf regelmäßiger Basis praktiziert, es ist aber andererseits auch
keine Kenntnis von Alexanders Arbeit notwendig, um sich nach ihren Vorgaben zu
verhalten. Die meisten guten Ausbildungsverfahren im Sport und in der Kunst zum
Beispiel nutzen heutzutage genau dieses Vorgehen als Grundlage für ihre
Arbeitsmethoden. Doch von da an, wo Alexander beginnt, seine bisher gelernten
Denkprozesse und -fähigkeiten gemäß dem Prinzip additiven Denkens zu
organisieren und auszubilden, fängt er auch an, Verfahren anzuwenden, die in
der Tat „im Gegensatz zu jedem Verfahren stehen, nach welchem die instinktiven
Prozesse des Menschen … bislang exerziert worden sind.“ (Alexander 1997, S. 429)
Das Neue dabei ist nicht etwa das gleichzeitige Geben von mehreren
Anweisungen. Ohne diese uralte menschliche Fähigkeit könnten wir die
einfachsten Tätigkeiten nicht ausüben. Neu daran ist, Anweisungen in einer
durchdachten Reihenfolge zu geben, die aus Überlegungen über die Anforderungen
eines vernünftigen Gebrauchs unseres Organismus entwickelt sind. Einige dieser
Anweisungen sind ausschließlich präventiver Natur, andere wiederum können
regelrechte Ausführungsanweisungen sein. (ALEXANDER 1997, S. 311, 324, 335,
369f, 424ff, 441, 592)
Um diese Fähigkeit zu lernen, ist der erste und beste Schritt (und meist
auch der schwierigste) der von eins nach
zwei – also herauszufinden, wie man
zum mentalen Projizieren einer Anweisung eine zweite Anweisung addiert und beide
in Gedanken weiterführt, während man sich in Bewegung setzt, um sein Ziel
zu erreichen. Das Projizieren aller weiteren notwendigen Anweisungen baut auf
dieser entstehenden Fähigkeit auf und ist gleichzeitig ihre Erweiterung. (Alexander
1997, S. 443)
Aber sogar nachdem Alexander diese vier mentalen Fähigkeiten über lange
Zeit hinweg gelernt und praktiziert hatte, stellte sich heraus, dass er immer
noch viel zu oft erfolglos blieb, wenn er schließlich nach all seiner
vorbereitenden Übung tatsächlich sprechen wollte. (Alexander 1997, S. 425) Das heißt, er sprach immer
noch mit den gleichen unerwünschten Nebeneffekten wie zuvor. Daraus schloss er,
dass seine alte, vertraute und falsche Steuerung im entscheidenden Augenblick
(d.h. in dem Moment, wo er mit dem Sprechen anfing) immer wieder seine neuen,
durchdachten Mittel beherrschte. (Alexander
1997, S. 425)
Zunächst glaubte er – wie die meisten von uns es getan hätten –
dies sei auf seine persönliche Unfähigkeit zurückzuführen. Diese Vermutung hätte
ihn aber nicht weiter gebracht, selbst wenn sie wahr gewesen wäre. Ihm fiel nur
noch ein einziger anderer Grund ein: nämlich dass er seine neuen
Steuerungsanweisungen im entscheidenden Augenblick nicht fortsetzte, sondern
statt dessen wieder auf seine alte Art, sich zu steuern, zurückgriff – und
das trotz seines Gefühls und seiner Überzeugung, er habe erfolgreich seine
alte Steuerung gestoppt. (Alexander 1997,
S. 426) Dies ließ ihn das letzte Hindernis erkennen, das er sich
bis dahin selbst in den Weg gelegt hatte: nämlich sich im entscheidenden
Augenblick zur sofortigen Beurteilung seines Erfolges auf sein „Gefühl“ zu
verlassen.[11] Doch das konnte nicht gut
gehen, da sein Gefühl ihm ja nur als „richtig“ meldete, was ihm vertraut
war, also nur die Bewegungsweise, die er bislang auch schon immer verwendet
hatte. (Alexander 1997, S. 427)
Alexander erkannte, dass er zwar monatelang versucht hatte, eine neue
Steuerung anzuwenden – doch zur Bewertung, ob er dabei erfolgreich war oder
nicht, hatte er sich auf Nebenwirkungen seiner alten Steuerung (nämlich das
„richtige Gefühl“) verlassen. Was er damit tatsächlich nur bewirkt hatte,
war, seine alte falsche Steuerung wieder ins Spiel zu bringen. Kein Wunder, dass
ihm die erwünschte Änderung seines Verhaltens so nicht gelang! Dadurch, dass
er genau den Prozess in Gang setzte, den
er zu verhindern versuchte, garantierte er sein beständiges Misslingen. (Alexander
1997, S. 427)
Wenn jemand versucht, sich auf eine neue Art zu steuern, so lassen sich
Steuerungsanweisungen, die mit einer alten Ausführungsweise verknüpft sind, niemals
verwenden – ganz gleich, auf welche Weise. Ein solcher Versuch wird
lediglich auf eine weitere Form derselben alten Steuerung hinauslaufen. Sobald
die alte Steuerung (wieder) eingeleitet ist, ist das Spiel verloren. Es
ist unmöglich, etwas zu verwenden, um zu erreichen, dass man es nicht
verwendet. Man kann nicht die alte Art und Weise der Steuerung verwenden, um
zu verhindern, dass man sich auf die alte Art steuert. Man kann nicht einmal die
alte Art und Weise der Steuerung verwenden, um zu beurteilen, ob man sich auf
eine neue Art steuert.
Um weiter zu kommen, musste Alexander herausfinden, wie er aus diesem
Kreislauf ausbrechen konnte. Er musste einen Weg finden, mit dem er seine alte
Art der Steuerung nicht wieder einleitete, auch
nicht zum Zwecke der Bewertung. Er entschied, eine Methode zu erarbeiten,
mit der garantiert war, dass er sich so weit schulen konnte, seine neue Art und
Weise der Steuerung während der gesamten
Ausführung seiner Aktivität zu verwenden – und dies führte ihn zum fünften
und letzten Schritt seiner Schulung.
Er entschied, die Vorgänge, die seinen Gebrauch steuerten, einer neuen
Erfahrung zu unterziehen, und zwar der, von
vernünftiger Überlegung dominiert zu sein statt von Gefühl. Er musste
also sein gesamtes Vertrauen in die
Prozesse seines Vernunftdenkens legen, dass sie ihn sicher an sein Ziel
bringen würden, selbst wenn die Handlung, zu der ihn diese Prozesse führen
sollten, sich falsch anfühlen würde. Mit
anderen Worten, dieses Vertrauen musste echt
und ungeteilt sein und keinerlei zusätzliche Absicherung benötigen, dass
seine Handlung sich „richtig anfühlte“. (Alexander
1997, S. 427) Das heißt, er musste bei den Verfahren bleiben, die
er sich als die bestgeeigneten für seinen Zweck überlegt hatte, ganz gleich,
wie sich seine Bewegungen nach dieser neuen und anderen Art der Steuerung anfühlen
würden.
Diese fünfte geistige Schulung, ein ungeteiltes Vertrauen in das eigene
Vernunftdenken zu entwickeln, ist das letzte entscheidende Puzzleteil in
Alexanders Arbeit, um eine konstruktive und grundlegende Veränderung der
eigenen Bewegungsweise und des eigenen Verhaltens herbeizuführen.
*
*
*
Mit der kombinierten Anwendung der fünf oben beschriebenen erlernten Fähigkeiten
konnte Alexander schlussendlich den Weg verlassen, der ihn zu seinen vorherigen
Misserfolgen geführt hatte. In seinen folgenden Experimenten stellte er nämlich
fest, dass seine instinktive Reaktion unterblieb, auch während
seiner ganzen Aktivität – solange er seine Anweisungen für die neue Art
der Steuerung projizierte. (Alexander
1997, S. 428) Dies bedeutete, dass er jetzt seine Tendenz, seine
alte, falsche Steuerung immer wieder zu verwenden, endlich erfolgreich bekämpfen
konnte. Dies wiederum führte dazu, dass sein Sprechen und Rezitieren sich
erheblich verbesserten und dass nicht nur seine Stimm- und Kehlkopfprobleme
verschwanden, sondern auch die Atem- und Nasenbeschwerden, unter denen er von
Geburt an gelitten hatte.
Dies war für Alexander der so lange gesuchte, entscheidende Beweis dafür,
eine erfolgreiche Methode gefunden zu haben, mit der er seine Funktionsfähigkeit
verbessern und seine Möglichkeiten und Fähigkeiten generell erweitern konnte. (Alexander
1997, S. 429)
Die
Arbeit im Alexander-Unterricht beschäftigt sich primär mit Ideen und
Vorstellungen, besonders solchen, die im Zusammenhang mit Bewegungen und Tätigkeiten
stehen. Dieses Vorgehen bietet zwei Vorteile: zunächst den unmittelbaren
Praxisbezug für den Schüler, und gleichzeitig für alle anderen Beteiligten
eine bessere Ausgangslage. Denn diese können nicht unmittelbar „wissen“,
was jemand denkt und wie jemand denkt – Bewegungen lassen sich jedoch
beobachten. Da nach unserer Grundannahme die Art und Weise von Bewegungen
verursacht und veranlasst sind durch die Art und Weise des Denkens (Ideen,
Vorstellungen etc.), können wir mit Hilfe der beobachtbaren Bewegung Zugang
gewinnen zum Denken, also der treibenden Kraft, die dahinter liegt. Wir
untersuchen im Unterricht am Einzelfall, wie sich dieses Denken auf die
Bewegungsweise und die Qualität der Resultate auswirkt.
Als
Lehrer helfen wir darüber hinaus unseren Studenten, zutreffende Grundlagen und
konstruktive Ideen herauszufinden, und diese auf ihre Vorhaben, Bewegungen und Tätigkeiten
erfolgreich anzuwenden. (Alexander 1997,
S. 121, 276) Mit diesem Verfahren werden Schüler fähig,
konstruktive Schritte zu erarbeiten, mit denen es ihnen möglich ist, ihre Tätigkeiten
in einer besseren, mehr koordinierten und natürlicheren Art und Weise auszuführen.
Dadurch fällt es ihnen von der ersten Unterrichtsstunde an leichter, ihre alltäglichen
Aufgaben anstrengungsloser und effektiver zu erfüllen.
Als
„Studienobjekt“ des Unterrichts kann jede Tätigkeit des täglichen Lebens
dienen. (Alexander 1997, S. 354)
Durch Beobachtung, Bewegungsanalyse, Denkanregungen und Berührungen bekommen
Schüler Rückmeldung darüber, wie sie diese Tätigkeit ausführen und wie sie
sie optimieren können.
Beispiel: Deckt sich die Interpretation aufgrund von Eigenbeobachtung
eines Schülers über seine Bewegungen (und deren Resultate) mit Beobachtungen
und Interpretationen „von außerhalb“? Oft kommt es während des
Unterrichtens vor, dass ein Bild des Schülers von sich selbst und die
Wahrnehmungen anderer Beobachter über ihn differieren; bisweilen widersprechen
sie sich sogar. In diesem Falle steht ein Schüler vor der Wahl, entweder
weiterhin zu glauben, was er selbst
empfindet, oder zu berücksichtigen,
was er und andere Beobachter „von außen“ wahrnehmen können.
Anfänglich
können Schüler manchmal Veränderungen an sich oder anderen entweder kaum
bemerken oder nur schwer beschreiben. Dies ist nicht weiter verwunderlich, unter
anderem deswegen, weil die Art der notwendigen Beobachtung zunächst noch
unvertraut ist. Zum Glück ändert sich dies regelmäßig mit wachsender
Erfahrung, die am besten gewonnen wird durch fortgesetztes Beobachten. (Alexander
1997, S. 413)
Aufmerksamkeit ist das genaue Gegenteil von sogenannter
„Konzentration“.
Beispiel
Gespannt
versuchen wir, etwas zu beobachten oder zu bemerken, und oft entgeht uns dabei
das Offensichtliche oder Wesentliche. Je angestrengter wir versuchen, in unserer
Phantasie, im Gedächtnis oder in unserer Wohnung etwas zu finden, um so weniger
will es sich einstellen. Im unerwarteten Moment, wo wir nicht mehr „dran
denken“ (?!), liegt das zuvor Unsichtbare oder Unauffindbare auf einmal direkt
vor uns.
„Konzentration“ (wie sie oft aufgefasst und praktiziert wird)
bedeutet, dass man sich ausschließlich mit einer
Angelegenheit beschäftigt, die als die wichtigste angesehen wird: also sich
auf eine Sache zu fixieren, und alles
andere aus der Betrachtung auszuschließen. (Alexander
1997, S. 240, 366, 387) Nach Alexander ist diese Vorstellung von
Konzentration verheerend und einengend. (Alexander
1997, S. 365) In der Praxis führt sie fast immer zu einer künstlichen,
forcierten Verfassung, die sich in abnormaler Muskelspannung äußert – was
viele dann so interpretieren, dass sie sich jetzt zum Denken genug anstrengen würden.
(Alexander 1997, S. 66, 366f,
370f, 584) Zum Denken benötigen wir aber keinen einzigen Muskel!
Aufmerksamkeit berücksichtigt
den Umstand, dass in jeder Handlung eine ganze Reihe Faktoren beteiligt sind,
die sich verändern und sich auf eine gemeinsame Wirkung hin bündeln – und
genau dies ist Konzentration in der Wortbedeutung des lateinischen Ursprungs. (Alexander
1997, S. 240, 370) Diese wahre
Konzentration lässt sich z.B. an einem ungestört spielenden Kind
beobachten, oder auch an einem fähigen Handwerker oder Künstler, der in seine
Arbeit vertieft ist – eine Verfassung, zu der Koordination wie selbstverständlich
dazu gehört. (Alexander 1997, S. 240)
Eines der untrüglichen Kennzeichen wahrer Konzentration ist, dass man von den
Vorgängen, die sie ausmachen, praktisch nichts wahrnimmt. (Alexander
1997, S. 371) Man braucht sich in überhaupt keinen speziellen
Zustand zu versetzen, um etwas besser lernen zu können, besonders nicht beim
Studium der Alexander-Technik. (Alexander
1997, S. 135, 144f, 367f) Man braucht lediglich einen wachen,
bereitwilligen, unvoreingenommenen, vernünftig und klar denkenden
Menschenverstand. (Alexander 1997, S. 39,
64, 166)
Als Erstes und Wichtigstes lernen Alexander-Schüler Möglichkeiten und
Methoden kennen, um ihre bisherigen hinderlichen Denkweisen und
Bewegungsstrategien zu stoppen. Dadurch geben sie sich Zeit und die Freiheit,
die sie brauchen um zu überlegen, welche Aufgabe sie sich gerne stellen oder
welches Ziel sie erreichen möchten. Sie lernen, ihr Ziel und ihre Aktivitäten
mit ihrem ganzen Wesen anzugehen, mit dem lebendigen Wunsch, jede ihrer Tätigkeiten
zur erfolgreichen Vollendung zu führen. (Alexander
1997, S. 66). Sie lernen, sich Mittel und Wege zu überlegen und zu
wählen, die für die momentane Aufgabenstellung besser geeignet sind. Sie
lernen auch, ausschließlich bei diesen Mitteln zu bleiben,
besonders während ihrer Handlung. Gleichzeitig verlernen sie beinahe nebenbei
und unbemerkt das Zuviel an Muskelaktivität und die Anstrengung gegen sich
selbst. Auf diese Weise lernen sie, jede gewünschte Tätigkeit mit dem für den
jeweiligen Moment geeigneten, möglichst geringen Energieaufwand auszuführen. (Alexander
1997, S. 428f) Und so lernen sie schließlich, ihre Ziele auf jene
einfache und mühelose Weise zu erreichen, die für jede erfolgreiche Ausführung
so charakteristisch ist. (Alexander 1997,
S. 234)
Im
Alexander-Unterricht lernen Schüler (unter anderem):
·
zu prüfen, ob die
Grundannahmen und -überzeugungen zutreffend sind, die sie bei ihren Vorhaben,
Bewegungen und Tätigkeiten verwenden, (Alexander
1997, S. 268, 305, 648)
·
konstruktive Ideen zu
entwickeln, auf welche Art und Weise ihre Tätigkeit besser ausführbar sein könnte,
(Alexander 1997, S. 230, 261, 528)
·
diese Überlegungen weiter zu
führen, während sie die zugehörigen Botschaften projizieren, während sie
ihre Tätigkeit ausführen, (Alexander
1997, S. 311, 368-70, 441)
·
ihre Überlegungen und
Botschaften während der gesamten Bewegung oder Tätigkeit beizubehalten, (Alexander
1997, S. 592)
·
diese Vorgehensweise zum
Grundprinzip bei allen Handlungen ihres täglichen Lebens zu machen. (Alexander
1997, S. 356, 473)
Dadurch
werden Alexander-Schüler (unter anderem) fähig:
·
ihren alten, unüberlegten
Ideen und Vorstellungen davon, wie sie handeln und wie sie sein müssten,
weniger Bedeutung und Chancen zu geben,
·
klarer zu entscheiden, was
sie erreichen möchten und wie sie dahin gelangen können,
·
mehr und mehr so zu handeln
und zu leben, wie sie es sich erträumen.
Literaturhinweise
Alexander,
F. Matthias, Articles and Lectures. Articles, Published
Letters and Lectures on the F. M. Alexander Technique. London,
Mouritz; 1995
Alexander, F.
Matthias, Man’s
Supreme Inheritance. Conscious Guidance and Control in Relation to Human
Evolution in Civilization.
London, Mouritz;
1996
Alexander,
F. Matthias, The Books of F.M.
Alexander: (1) Man’s Supreme
Inheritance. Conscious Guidance and Control in Relation to Human Evolution in
Civilization · (2) Constructive
Conscious Control of the Individual · (3) The Use of the Self. Its Conscious Direction in Relation to Diagnosis,
Functioning and the Control of Reaction · (4) The Universal Constant in Living. New York, IRDEAT; 1997
Alexander,
F. Matthias, The Universal Constant
in Living. London,
Mouritz; 2000
Barlow, Marjory, The
1995 Alexander Memorial Lecture, in: An
Examined Life. Berkeley, Mornum Time Press; 2002
Carrington, Walter,
Thinking Aloud: Talks on Teaching the
Alexander Technique. San Francisco, Mornum Time Press; 1994
Covey, Stephen, First
Things First. New York, Simon and Schuster; 1994
Fischer, Jean (Hg.), Congress Papers from the 6th International Congress on the F.M. Alexander Technique 1999.
London, STAT Books; 2001
Jones, Frank P., Freedom
to Change. The Development
and Science of the Alexander Technique. London,
Mouritz; 1997
Robb, Fiona, Not to ‘Do’. An account of lessons in the Alexander Technique with Margaret Goldie. London, Camon Press; 1999
Adressen
Alexander-Technik-Verband Deutschland
(ATVD) e.V.
Postfach 5312, D-79020 Freiburg i.Br.
email: kontakt@alexander-technik.info
· Internet: www.alexander-technik.info
Anschrift
des Autors
Peter Ruhrberg, Lehrer für F.M.
Alexander-Technik
Prinz-Ferdinand-Straße 89, 47798 Krefeld
www.at-itm.de/ruhrberg
[1] Literaturliste unter www.at-itm.de/ruhrberg/sci_lit.pdf
[2] Manche Autoren behaupten, größere Muskelarbeit sei tatsächlich nötig, lokalisieren sie jedoch im Bereich der Waden.
[3] Im angelsächsischen Sprachraum lautet Vers 23,7 der biblischen Sprichwörter: „Wie jemand im Grunde seines Herzens denkt, so ist er.“
[4] Eine gute und leicht lesbare Einführung in dieses Thema gibt Gerald Hüther, Bedienungsanleitung für ein menschliches Gehirn, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001
[5] Was ein Baby in seiner Bewegungsentwicklung durchläuft, könnte beschrieben werden als ein Lernen, bei dem es die bereits eingebauten Bewegungsmöglichkeiten mehr und mehr verknüpft mit dem, was es will. („Verknüpfen“ sogar im wörtlichen Sinne als Herausbildung, adaptive Veränderung und Umorganisation neuronaler Verschaltungen und synaptischer Verbindungen, wenn man der neueren Gehirnforschung Glauben schenken darf.)
[6] In der Philosophie ist dieser verbreitete Fehlschluss bekannt als post hoc, ergo propter hoc („weil danach, darum deswegen“). Der Irrtum besteht darin, eine Aufeinanderfolge zweier Dinge oder Ereignisse als Kausalität zu verstehen. Die bloße Aufeinanderfolge zweier Ereignisse genügt jedoch alleine noch nicht als Beweis für einen kausalen Zusammenhang zwischen ihnen.
[7] „Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei sich selbst schadet?“ (Matthäus 16:26)
[8] Beispiele siehe http://www.biomotionlab.de/Demos/BMLwalker.html
[9] Ausgenommen sind natürlich strukturelle Veränderungen und Schädigung durch Verletzung oder Krankheit.
[10] Häufig kommen Menschen zum Alexander-Unterricht, welche zuvor irgend eine Form von Haltungsschulung durchlaufen haben. Diese Schüler sind es meist (neben manchen Sportlern), die „vor Kraft kaum stehen können“ und deren Wirbelsäule noch am ehesten an einen Besenstiel gemahnen lässt, als an ein Gebilde, das strukturell aus zwei Dutzend Knochen besteht, mit einem Vielfachen an Muskeln, Sehnen etc., die diese Knochen miteinander verbinden. Manchmal frage ich diese Schüler: „Wozu braucht eine Wirbelsäule eigentlich so viele Elemente?“ Solch eine Konstruktion scheint eher auf Flexibilität und Bewegung optimiert zu sein, denn um immerzu die gleiche Form aufzuweisen, hätte eine wirtschaftlichere Lösung, ein einzelner, solider Knochen, genügt. Siehe auch: Witte, Dr. H. & Preuschoft, Prof. Dr. H., Dynamik der Wirbelsäule: nicht Stehen, sondern Gehen, 1997, http://www.ruhr-uni-bochum.de/rubin/rbin1_97/rubin8.htm
[11] Das Wort „Gefühl“ steht bei Alexander in diesem Zusammenhang lediglich für ein Mittel, mit dem jemand eine Einschätzung und Bewertung darüber erlangt, wie die Tätigkeit ausgeführt wurde.
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Krefelder Studio für Alexander-Technik - Letzte A ktualisierung 28.10.2011 |